Ein bunter Streifzug für junge Geschichtsfans

Im Leben gibt es viele Momente, in denen sich etwas entscheidet. Mal geschieht das durch Zufall, mal durch das Zutun anderer Menschen. Manchmal aber liegt die Möglichkeit, das eigene Leben zu verändern, plötzlich ganz nahe, wie das Ende eines feinen, roten Fadens, an dem man ziehen könnte… wenn man sich nur traut.

Das Kinderbuch „Hetki ennen kuin maailma muuttui“ (englischer Titel: „Moments Before the World Changed“) folgt der Spur dieser Momente um den Globus. In kurzen Kapiteln treten verschiedene Personen auf, die mit ihren einzigartigen Ideen, mutigen Handlungen und unerschütterlichen Überzeugungen in die Geschichte eingegangen sind. Mit dabei ist die US-Amerikanerin Elizabeth Magie, die den Vorläufer zum heutigen Monopoly entwickelte, um auf Armut und Ungleichheit aufmerksam zu machen, aber auch der Japaner Hanaya Yohei, der das moderne Sushi erfand, und der australische Sprachtherapeut Lionel Logue, der dem britischen König George VI. half, sein Stottern zu überwinden. Neben die polnisch-französische Wissenschaftlerin Marie Curie, die als erste Frau einen Nobelpreis erhielt, treten die Bürgerrechtlerin Rosa Parks und ihre Vorreiterin Claudette Colvin, die sich vor mehr als 60 Jahren der Segregation in öffentlichen Bussen in den USA widersetzten. Ein Kapitel erzählt vom Kvennafrídagurinn im Jahr 1975, als die Frauen auf Island für mehr politisches Mitspracherecht streikten, ein anderes wiederum von der liberianischen Bürgerrechtlerin Leymah Gbowee, die an der Spitze der Friedensbewegung in ihrem Heimatland stand.

Mit ihrer kindgerechten und zugleich präzisen Sprache regen die Kapitel des Buchs zum Nachdenken über Geschichte an und bieten einen Ausgangspunkt für Gespräche, aus denen auch Eltern noch etwas lernen können. Matti Pikkujämsäs große, farbenfrohe Illustrationen nehmen sich hier mit ausladenden Pinselstrichen, dort mit vielen Details der vorgestellten Personen und Ereignisse an und machen die Menschen hinter den Namen und Geschichten sinnlich erfahrbar.

Ganz am Ende des Buches steht schließlich wieder der rote Faden – gefolgt von einer Aufforderung, ihn zu ergreifen.

Jenni Pääskysaari & Matti Pikkujämsä: Hetki ennen kuin maailma muuttui. Sachbuch, 88 Seiten. Verlag: Otava 2019

Kontakt für Übersetzungsrechte: Rights & Brands Finland / Hanna Pajunen-Walsh, hanna.pajunen-walsh@rightsandbrands.com

Neuzugang bei Lue.Finland

Claudia_Nierste_klIch freue mich sehr über eine neue Mitstreiterin im Blog, und weil sie hier schon mehrere Bücher empfohlen hat, möchte ich sie endlich einmal persönlich vorstellen: Claudia Nierste (27) hat Fennistik in Greifswald und Tampere studiert und war im Herbst/Winter 2019/20 als Praktikantin bei FILI in Helsinki, wo ich sie im Rahmen meiner Übersetzerresidenz kennengelernt habe. Eigentlich wollten wir uns nur zu einem Blogprojekt austauschen, das sie mit einer Kommilitonin plant, doch dann kam die Idee auf, dass sie ja auch bei Lue.Finland Beiträge über finnische Bücher schreiben könnte.

Was neben ihrem guten Schreibstil überaus bemerkenswert ist: Claudia kam erstmals bei einem Au-pair-Aufenthalt  in Finnland – also nach ihrem Schulabschluss – mit dem Finnischen in Berührung. Ihre damals vor Ort erworbenen Kenntnisse hat sie im Studium weiter vertieft und vervollkommnet, und seit dem Masterstudium wuchs auch das Interesse am Übersetzen finnischer Literatur. Unter anderem hat sie an dem Projekt „Neue Nordische Novellen VI“ an der Uni Greifswald als Herausgeberin und Übersetzerin mitgewirkt. Außerdem war sie 2019 Praktikantin im Finnland-Institut in Berlin und hat im selben Jahr sowie im Frühjahr 2020 an Übersetzer-Fortbildungen teilgenommen.

Ihre Lieblingsliteraturgenres sind Belletristik, Phantastik und Graphic Novel, wobei sie die Autor:innen Maarit Verronen, Anu Kaaja, Janos Honkonen und JP Koskinen besonders schätzt – und das hat sich ja auch bereits in Buchvorstellungen hier im Blog niedergeschlagen.

Herzlich willkommen und tervetuloa bei Lue.Finland, Claudia!

Lady Die und Waity Katie

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Sie hat es geschafft und doch nicht: Åsa ist gleich nach der Schule aus ihrer nicht näher bezeichneten skandinavischen Heimat nach London gezogen, um es dort zu etwas zu bringen. Mittlerweile in ihren Dreißigern, war sie schon als Kellnerin, Kindermädchen und Aushilfe beschäftigt, alles nur zeitweise, findet keine Stabilität, hat ihren Traumprinzen immer noch nicht gefunden. Als dem Monarchistenpaar Helen und Roger ihre verblüffende Ähnlichkeit zur britischen Herzogin Kate Middleton auffällt, zieht sie zu ihnen in einen öden Vorort von London. In einer Wohnung, die überquillt von Memorabilia der Königsfamilie, entwickelt sich eine leidenschaftslose Dreiecksbeziehung. Katie-Kate, wie Åsa bald nur noch genannt wird, gibt gegen Geld die Kate Middleton-Imitatorin und füllt die innere Leere mit dem nächtelangen Konsum von Pornos, bis sie selbst nur noch in den Dimensionen der über ihren Bildschirm flackernden Filmchen denken kann.

Anu Kaaja erzählt Åsas Geschichte in einer schonungslosen Sprache, in der sich Schlagworte aus Frauenmagazinen (effortless beauty, embrace it, oh my god), bissige Wortspiele und sexualisierte Bilder abwechseln. Jedes essayistische Kapitel ist benannt nach gängigen Pornokategorien (Blow Job, Threesome, Creampie, Bride, Public, Fisting) und bietet eine Collage der Misogynie: In freien Assoziationen, die von den Narrativen der Hochzeitsindustrie über die Darstellung weiblicher und männlicher Tiere in Disneyfilmen und die Berichterstattung zur englischen Königsfamilie zu den Monopolen der Pornowelt springen, rechnet sie mit der Gesellschaft und den Medien ab. „Katie-Kate“ ist mit scharfer Feder, Wut und der zynischen Müdigkeit einer Frau geschrieben, die genug hat von den rosaroten, auf maximale Vermarktbarkeit gebürsteten Prinzessinnenträumen und den Wertzuweisungen aufgrund von Jugend, Jungfräulichkeit, Normschönheit und Gebärfähigkeit – genug von Männern, die Sexismus biologisieren und natürliche Schönheit nach ihren Vorstellungen fordern, und reichen, einflussreichen Frauen, die pseudofeministische Erfolgsgeschichten von befreiender Selbstoptimierung verbreiten.

Am Ende zieht Katie-Kate selbst einen Schlussstrich und verschwindet lautlos im Nirgendwo: Exit, Brexit, Katexit.

Anu Kaaja: Katie-Kate. Roman, 262 Seiten. Verlag: Teos 2020.

Kontakt für Übersetzungsrechte: Helsinki Literary Agency / Urpu Strellman (urpu@helsinkiagency.fi)

 

Übersetzerin Tarja Roinila verstorben

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Tarja Roinila (Foto: Markku Ojala / Turun Sanomat)

Sie war Essayistin, Kolumnistin, Übersetzerin deutschsprachiger Literatur ins Finnische, sie arbeitete mit Vorliebe an sperrigen Texten von Autoren wie Thomas Bernhard, Roland Barthes oder Samuel Beckett, sie übersetzte Lyrik, Romane und Essays auch aus dem Französischen und Spanischen: Heute erhielten wir die traurige und unfassbare Nachricht, dass Tarja Roinila gestern im Alter von nur 56 Jahren bei einem tragischen Verkehrsunfall in Helsinki ums Leben gekommen ist.

Roinila wuchs mit deutscher Mutter und finnischem Vater zweisprachig in Savonlinna auf, studierte später in Helsinki Romanistik, Literaturwissenschaft und Philosophie und veröffentlichte 1991 ihre erste Romanübersetzung aus dem Spanischen. 2010 erhielt sie den finnischen Staatspreis für Übersetzung, weitere Auszeichnungen folgten.

Tarja war Feuer und Flamme für das Übersetzen, das merkte man ihr bei den beiden Viceversa-Werkstätten in Straelen und im Saaren Kartano deutlich an, die sie zusammen mit Elina Kritzokat leitete und an denen ich teilnehmen durfte. Ihre Begeisterung war ansteckend. Doch sie war nicht nur eine kreative und gewissenhafte Übersetzerin, sondern auch ein herzlicher, zugewandter und inspirierender Mensch, den man einfach ins Herz schließen musste. Wir werden sie alle unsagbar vermissen. Unser Mitgefühl gilt ihrer Schwester Pirkko und ihrer Familie.

Das Leben eines Himmelsstürmers

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Fliegen wie ein Vogel: Nichts wünscht sich der junge Charles bzw. Kaarle sehnlicher, der mit seinen finnischstämmigen Eltern in Minnesota lebt. Vom Dach ist er immerhin schon gesprungen, und wäre er nur dem Boden nicht so nahe gewesen, hätte er es mit seinen selbstgebastelten Flügeln bestimmt in die Lüfte geschafft. In der großen Wirtschaftskrise der 1930er-Jahre schließt sich die Familie dem Strom derer an, die in die Sowjetrepublik Karelien auswandern. Dort, so die Versprechungen, werden sie beim Aufbau eines sozialistischen Paradieses mit anpacken. Doch bald nach der Ankunft dort folgt die Ernüchterung: Die Lebensbedingungen sind schlecht, jede Kritik an der Führung wird im Keim erstickt. Während seine Freundin Linda ein Gespür für die politischen Ereignisse entwickelt und sich anzupassen versteht, denkt Charles weiterhin nur ans Fliegen. Die ersten Flugstunden absolviert er im Segelflieger, und das Lob seines Lehrers lässt ihn schon von einer Karriere in der Roten Armee träumen. So begeht er dann auch einen verhängnisvollen Fehler, als die Eltern beschließen, nach Amerika zurückzukehren. Auf der Suche nach dem kleinen Büchlein, in dem seine Flugstunden verzeichnet sind, springt er aus dem Zug – und ist nun in Stalins Sowjetunion auf sich allein gestellt.

JP Koskinens historischer Roman ist Abenteuergeschichte, Chronologie eines außergewöhnlichen Lebens und philosophische Betrachtung des Lebens zugleich. Mit einem Gespür für Details und die emotionale Wirkung von Sprache erzählt Koskinen von den einfachen Verhältnissen in Minnesota, der Ernüchterung in Karelien, wo jedes finnische Wort bald zur Gefahr wird, und den Wirren des Krieges, in denen aus Charles Gabriel Frost schließlich Gennadi Timošev Zamorozkin wird. Dessen beständige Sehnsucht nach dem Himmel zieht sich durch die Kapitel seines Lebens als Sinnbild für die Freiheit, aber auch deren Unerreichbarkeit in einer Zeit der gescheiterten Träume und der politischen Willkür im Dienste des Systemwettstreits. Erst als Kriegsheld gefeiert, dann als Deserteur im Gulag inhaftiert und schließlich als Vorzeigeflieger für Propagandazwecke missbraucht, kann Gennadi nicht anders, als auf der Suche nach einem kleinen Freiraum immer höher zu streben, bis es irgendwann kein Zurück mehr gibt. Die Hoffnung aber gibt er dabei niemals auf.

„Tulisiipi“ war für den Finlandia-Preis nominiert und wurde sowohl als Buch des Jahres 2019 als auch mit dem Savonia-Preis der Stadt Kuopio ausgezeichnet.

JP Koskinen: Tulisiipi. Roman, 352 Seiten. Verlag: Like 2019.

Kontakt für Übersetzungsrechte: Ferly Agency / Tuomas Sorjamaa (tuomas@ferlyco.com)

 

Übersetzungsförderung garantiert

Finnish Literature Exchange fördert seit Jahren die Übersetzung finnischer Literatur in andere Sprachen, unter anderem durch Übersetzerfortbildungen, Reisestipendien und Druckkostenzuschüsse bei Bilderbüchern und Comics. Einen wichtigen Anteil haben die Übersetzungsförderungen, die ausländische Verlage für Übersetzungen aus dem Finnischen oder Finnland-Schwedischen beantragen können.

Aufgrund der Coronavirus-Pandemie haben sich die Förderorganisationen aller nordischen Länder nun dazu entschlossen, vorerst bis Ende 2020 jede Übersetzung mit garantiert 50 Prozent der Übersetzungskosten zu fördern. Voraussetzung ist, dass der Förderantrag den Anforderungen entspricht. Aktuelle Titel werden dabei bevorzugt. Die derzeitige Antragsfrist läuft noch bis 1.5., die nächste beginnt am 1.10.2020 (bis 1.11.). Bis im Jahr 2021 am 1.2. die nächste Antragsrunde beginnt, wird entschieden werden, ob dieses spezielle Förderungsprogramm noch einmal verlängert wird.

Weitere Infos: johanna.pitkanen @ finlit.fi

Leda und der Schwan

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Die Geschichte von Zeus, der sich in Schwanengestalt der spartanischen Königin Leda nähert, ist ein bekanntes Motiv der griechischen Mythologie. Mit diesem antiken Vorbild hat der adelige Erzähler in Kaajas Roman allerdings einen anderen weißen Vogel zu rupfen: Die goldenen Zeiten der libertinen Götter, weißbusigen Königinnen und idyllischen Waldseen sind vorbei! Wo bleibt der neuzeitliche Esprit? So schreibt er entrüstet an seinen Freund. Die Aufgabe des aufgeklärten Geistes sei schließlich nicht, das Gute schlicht zu wiederholen, sondern es durch philosophisches Sinnieren zu verbessern! Auf seinem einsamen Landsitz macht er sich daran, die Legende von Leda „in noch vornehmerer und modernerer Form“ zu erzählen. Doch Ledas Schicksal weckt in ihm unheilvolle Erinnerungen, und so scheint sein Scheitern unausweichlich.

Kaajas Briefroman lebt von Kontrasten das glitzernde Äußere bei Hofe und die vulgären Witze des berühmten fahrenden Geschichtenerzählers, der stinkende Nachttopf der Dienerin und der mit Ehrfurcht behandelte pot de chambre des Königs – aber auch von einem scharfen Blick auf Machtverhältnisse und Geschlechterrollen: Adèle, die als Klostermündel aufwächst und in der Neuerzählung den Part der Leda ausfüllen soll, wird zum Spielball der frivolen Adeligen und zur Gefangenen ihres streng patriarchalischen Umfelds. Der Erzähler schwankt dabei in seinen Sympathien: Mal mit Verständnis für Adèles Unerfahrenheit und Bewunderung für ihr keusches, schüchternes Wesen, mal voller Verachtung für ihre mädchenhaften Träume schreibt er seine Briefe, die alle unbeantwortet bleiben, und verrät dabei mehr über sich selbst als über seine Figuren. Mit hintergründigem Humor und erschütternden Bildern erzählt „Leda“ eine Geschichte, in der nicht alles ist, wie es scheint, und erst das letzte Wort des Textes verrät, wie unzuverlässig der Erzähler tatsächlich ist.

Kaajas erster Roman wurde von der Kritik in Finnland hoch gelobt und stand 2017 auf der Shortlist für den Runeberg-Preis.

Anu Kaaja: Leda. Roman, 162 Seiten. Verlag: Teos 2017.

Kontakt für Übersetzungsrechte: Helsinki Literary Agency / Urpu Strellman (urpu@helsinkiagency.fi)

Explosion im Kopf

Stell dir vor, du bist noch keine vierzig und wachst mitten in der Nacht mit höllischen Kopfschmerzen und Erbrechen auf. Ein Bierchen zu viel am Vorabend, hörst du in der Notaufnahme – bis die Diagnose feststeht: spontane Hirnblutung.

So ist es der mehrfach ausgezeichneten finnischen Comiczeichnerin Tiitu Takalo ergangen.

Ihrer plötzlichen Erkrankung mit 38 Jahren folgten ein Krankenhausaufenthalt und eine lange Genesungsphase, in der ihre künstlerische Schaffenskraft lange brachlag. Die Graphic Novel „Memento mori“ erzählt diese Geschichte. Wie der Titel verrät, geht es jedoch um mehr: Der Gedanke daran, wie knapp sie dem Tod entkommen war, ließ Takalo auch nach ihrer Entlassung aus dem Krankenhaus nicht los. Zugleich holte der Klinikaufenthalt belastende Erinnerungen wieder hervor: an ihre Depressionen und das Gefühl, mit diesen nicht ernst genommen zu werden.

Takalo bildet diese Zeit ihres Lebens in nur vier Farben ab. Ihre Zeichnungen leisten dabei mehr, als einfach die Handlung zu erzählen. Sie fangen Stimmungen und Gefühle ein, manchmal so subtil, dass es einem erst im Nachhinein bewusst wird. Während des langen Aufenthalts im Krankenhaus etwa kommt schließlich nur noch eine Farbe zur Anwendung, die immer weiter ausgewaschen wird, bis nur noch Grau bleibt. Das Auge gewöhnt sich daran und liest einfach weiter – bis zum Umbruch: Die Rückkehr nach Hause, als Takalo sich endlich wieder in ihr eigenes Bett und in die Arme ihres Partners kuscheln kann, ist in warme, satte Farben getaucht und zeigt, wie farblos die Welt davor geworden war. Takalo versteht es meisterlich, ihr Medium zu nutzen. „Memento mori“ schöpft die Möglichkeiten des Graphic Novel aus und hinterlässt das Gefühl, alles mit durchlebt zu haben: den Schock, die Einsamkeit, die Angst, und schließlich das neugewonnene Bewusstsein für die Kostbarkeit des Lebens.

Tiitu Takalo: Memento mori. Graphic Novel, 232 Seiten. Verlag: WSOY 2020

Kontakt für Übersetzungsrechte: Ferly Agency / Tuomas Sorjamaa (tuomas@ferlyco.com)

Reich beschenkt und inspiriert

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Ausschnitt aus der Ausstellung „MInd your Brain!“

Drei Wochen Residenz in der Villa Salin sind so schnell vorbeigegangen, und doch fühle ich mich, als sei ich drei Monate von Zuhause weg gewesen. Das Kennenlernen der wunderschönen Umgebung, Treffen mit Autor*innen, Ausstellungsbesuche (ja, auch beruflich) und das Arbeiten an diesem besonderen Ort haben die Zeit sehr intensiv gemacht. Ich habe in den drei Wochen unter anderem Gedichte von Laura Ruohonen zu einer Ausstellung des finnischen Science Centers Heureka übersetzt, die Ende des Jahres unter dem Titel „Mind your Brain!“ nach Deutschland, genauer gesagt, zur experimenta nach Heilbronn wandern wird. Das hat aufgrund des spielerischen Umgangs mit Sprache sehr viel Spaß gemacht, auch wenn manche Lösung nicht sofort gefunden werden konnte – aber das liegt in der Natur der Sache und trägt letztlich nur zum übersetzerischen Vergnügen bei. Und sicherlich habe ich dabei im Sinne der Ausstellung viel für mein Gehirn getan! 😉

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Drei Wochen übersetzen vor Ort

Nach dem tollen Viceversa-Workshop im Juni letzten Jahres darf ich nun wieder an einem übersetzerischen „Außeneinsatz“ teilnehmen: FILI spendiert mir und fünf weiteren Übersetzer*innen eine dreiwöchige Residenzzeit in der wunderschönen „Villa Salin“ im Helsinkier Stadtteil Lauttasaari. Direkt am Wasser gelegen, bietet die renovierte Villa Schlaf- und Arbeitszimmer für sechs Personen, dazu eine große, moderne Küche und weitere stattliche Räumlicheiten. Erbaut 1902 von der früh verwitweten Fabrikantin Ida Salin, wurde die Villa nach deren Tod der Frauenrechtsunion vermacht, die sie heute für Veranstaltungen vermietet.

Mit mir zusammen arbeiten während der Residenz noch bis zum 1. März Kolleg*innen aus Schweden, den Niederlanden, Italien, Polen und Tschechien an den unterschiedlichsten Projekten, von finnischer Lyrik über Kjell Westö bis hin zur Autobiografie eines früheren Bankräubers …

Das Schöne an so einer Residenz ist auch, dass man sich bequem und unbürokratisch mit Autor*innen treffen kann, die in der Hauptstadtregion wohnen (und das tun viele). Mit der Metro ist man in weniger als zehn Minuten im Zentrum von Helsinki, wo zudem zahlreiche Museen und nicht zuletzt der spektakuläre Bau der Zentralbibliothek Oodi zu einem Besuch einladen. Aber auch direkt vor der Tür kann man sich bei Bedarf den Kopf freipusten lassen: Unmittelbar neben der Villa liegt ein kleiner Strand, an dem ein Wanderweg beginnt, der kilometerweit am Wasser entlangführt. Helsinki at its best!