Liebster Award: Huch, ich bin nominiert

LiebsterAward-e1509012496821So ist das eben. Man wurschtelt vor sich hin mit dem eigenen Blog, freut sich, wenn ein paar Likes kommen oder man merkt, dass die Beiträge auch mal weiterverbreitet werden. Und nun hat mich netterweise Inken vom Blog Finntastic für den Liebster Award nominiert. Vielen Dank dafür!

Aber was ist der Liebster Award überhaupt? Das Spannende daran ist, dass alle Leser auf diese Weise andere Blogs aus ähnlichen Interessengebieten kennenlernen und sich auch von den Menschen hinter den Internetprofilen ein gewisses Bild machen können. Jeder Blogger, der am Liebster Award 2017 teilnimmt, bekommt dabei die Gelegenheit, seinen Lieblingsbloggern eine Reihe von Fragen zu stellen. Die Nominierten beantworten diese auf ihren Blogs und nomieren dann auch wieder ihre eigenen Lieblingsblogs.

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„Lempi“ erhält neuen Literaturpreis

Minna Rytisalo

Minna Rytisalo ist erste Preisträgerin des Botnia-Literaturpreises. (Foto: Hanna Juopperi / YLE)

Gestern ist im nordfinnischen Oulu eine neue literarische Auszeichnung verliehen worden: der Botnia-Literaturpreis. Erdacht vom Schriftstellerverband Oulu und mit 10.000 Euro üppig ausgestattet, ging diese erste Auszeichnung an den Debütroman „Lempi“ von Minna Rytisalo. Das Buch erzählt vor dem Hintergrund des 2. Weltkrieges eine ebenso leise wie tragische Dreiecksgeschichte.

Ziel des Botnia-Preises ist es, Autorinnen und Autoren zu fördern, die in der Region Nordösterbotten geboren oder ansässig sind, und somit zu zeigen, dass gute Literatur auch außerhalb der Ballungsregion Helsinki entsteht. Preisträgerin Rytisalo arbeitet im Hauptberuf als Finnischlehrerin in Kuusamo, einer Stadt im äußersten Nordosten der Region Nordösterbotten. Ihr Buch, 2016 bei Gummerus erschienen, avancierte schnell zum Publikumsliebling und kann bei rund 20.000 Exemplaren mit Fug und Recht als Bestseller bezeichnet werden. Die Übersetzungsrechte sind bisher nach Deutschland (Hanser) sowie Norwegen und Litauen verkauft.

Insgesamt wurden zum Botnia-Preis sechzig Titel von Verlagen eingereicht, acht kamen auf die Shortlist, unter anderem auch das vieldiskutierte Mammutwerk „O“ des jungen Miki Liukkonen. Beim Botnia-Preis ist es unerheblich, welchem Genre die Titel angehören, Prosa und Lyrik können ebenso zum Zuge kommen wie Sachbücher, Kinderbücher oder Comics. Auch die Sprache spielt im Prinzip keine Rolle, Bedingung ist nur, dass das Buch in einem finnischen Verlag erschienen ist. In diesem Jahr wurde das Preisgeld von 10.000 Euro von der Stadt Oulu und einer regionalen Supermarktkette gestiftet. In Zukunft soll der Preis jährlich vergeben werden. Für die nächsten Jahre ist geplant, die Dotierung sogar auf 15.000 Euro zu erhöhen, was den Botnia zum finanziell einträglichsten finnischen Literaturpreis nach dem Finlandia-Preis machen würde.

Essen, Bücher, Schnaps

Alle Jahre wieder drängt sich das Volk auf der Frankfurter Buchmesse um den finnischen Gemeinschaftsstand, wenn finnische Spezialitäten, handgemacht von einer Gruppe Finninnen aus Frankfurt, sowie reichlich Getränke gereicht werden. Auch dieses Jahr gab es wieder in rauen Mengen Koskenkorva mit und ohne Salmiakki. (Schmeckt in der einen wie der anderen Version wie Medizin.) Dazu natürlich Gespräche mit anderen Übersetzern, Verlegern, Agenten und und und… 

Eeva Kilpi erhält Kivi-Literaturpreis für ihr Lebenswerk

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Eeva Kilpi (Foto: Raili Tuikka / YLE)

Am 10. Oktober ehrt Finnland traditionell den Autor Aleksis Kivi, geboren am 10. Oktober 1834. Seit 1936 wird an diesem Tag auch der Aleksis-Kivi-Literaturpreis der Finnischen Literaturgesellschaft SKS verliehen. Trägerin des mit 25.000 Euro dotierten Preises ist in diesem Jahr die Autorin Eeva Kilpi, die mit der Auszeichnung für ihr Lebenswerk geehrt wird. Die inzwischen 89-Jährige ist in Finnland eine lebende literarische Legende und blickt auf ein breitgefächtertes Oeuvre zurück, das sich unter anderem intensiv mit dem Thema Vertreibung auseinandersetzt. Kilpi, 1928 im heute russischen Teil Kareliens geboren, musste die Heimat mit ihrer Familie verlassen, als Finnland das Land 1944 endgültig an die Sowjetunion abtreten musste. Insgesamt über 400.000 Karelier zogen nach dem 2. Weltkrieg aus ihrem Land fort und ließen sich in anderen Gegenden Finnlands nieder. Diese Erfahrung der Entwurzelung zieht sich durch Kilpis gesamtes Werk, das 32 Titel umfasst, Kurzprosa ebenso wie Romane, Essays und Lyrik.

In der Begründung für die Auszeichnung heißt es denn auch, sie gebe mit ihren Romanen und Erzählungen rund um Flucht und Vertreibung auch jenen eine Stimme, die heute vor Krieg und Zerstörung fliehen müssten, die ihre Heimat und ihre Liebsten, ihre eigene Sprache und Kultur verloren hätten. Des Weiteren lobt die Jury Kilpis unverwechselbaren literarischen Ton sowie ihren Einsatz für die Natur und deren Erhalt. Mit Texten rund um das Thema Frausein wurde sie in den 1970er Jahren zudem zur Wegbereiterin gesellschaftlicher Debatten. Unter anderem beschäftigte sie sich mit den Freuden weiblicher Sexualität oder auch mit der Frage, was es für Frauen bedeutet, eine künstlerische Tätigkeit mit dem Muttersein zu verbinden. In diesem Zusammenhang hebt die Jury auch die enge Verbindung von Privatem und Politischem im Werk Eeva Kilpis hervor. Zuletzt erschien 2012 von Kilpi der Band „Kuolinsiivous“ („Sterbeputz“, WSOY), in dem Gedichte, Tagebucheinträge und Aphorismen aus 27 Jahren versammelt sind.

Deutsche Übersetzungen von Eeva Kilpi sind leider rar gesät, ihr Roman „Tamara“ und der Kurzgeschichtenband „Wind in Ahornblüten“ sind nur noch antiquarisch erhältlich. Immerhin erschien 2014 die Novelle „Sommer und eine Frau mittleren Alters“ (Ü: Stefan Moster) in dem Band „Alles absolut bestens bei mir“ (Hrsg. von Helen Moster, Edition fünf).

Eine Woche im Übersetzer-Camp

Wenn elf Übersetzerinnen und ein Übersetzer zusammenkommen, dann wird natürlich vor allem konzentriert über Texte geredet. Und welcher Ort wäre da besser geeignet als das Europäische Übersetzer Kollegium (EÜK) in Straelen am Niederhein. Das beschauliche Städtchen mit seinen rund 15.000 Einwohnern bietet kaum Ablenkung – mal abgesehen vom alljährlichen Schützenfestumzug – und ist daher ideal für das intensive Arbeiten an Texten, die teils aus dem Deutschen ins Finnische und teils aus dem Finnischen ins Deutsche zu bringen sind. Organisiert und finanziert wurde die deutsch-finnische Übersetzerwerkstatt im ViceVersa-Programm des Deutschen Übersetzerfonds und der Robert-Bosch-Stiftung dankenswerterweise außerdem von der Kunststiftung NRW, dem Auswärtigen Amt und der finnischen Stiftung WSOY. Diese großzügige Finanzierung ermöglichte zwölf Personen das freie Wohnen in den lauschigen Zimmern des EÜK, reichhaltige Mahlzeiten inklusive Süßigkeiten, Kuchen und Obst, dazu abendliche Snacks und Getränke mit und ohne Alkohol, außerdem einen exklusiven Shuttlebus vom Flughafen Düsseldorf nach Straelen und zurück und noch vieles mehr. So wurde ein optimaler Rahmen für die intensive Textarbeit unter der Leitung der verdienten Übersetzerinnen Elina Kritzokat (fin –> dt) und Tarja Roinila (dt –> fin) geschaffen.

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Intensive Diskussionen über Texte und das Übersetzen (Foto: EÜK)

Günter Grass‘ Spätwerk „Vonne Endlichkait“ war hier ebenso vertreten wie das Theaterstück „Wäsche waschen“ (Arbeitstitel) von Outi Nyytäjä; man diskutierte über Peter Wohllebens „Gebrauchsanweisung für den Wald“ und über Andreas Steinhöfels „Rico, Oskar und die Tieferschatten“ sowie über „Lempi“, den hochgelobten Debütroman der finnischen Autorin Minna Rytisalo. Kinderliteratur aus Finnland war genauso Thema wie die persönliche Aufarbeitung der NS-Geschichte der eigenen Eltern in dem Buch „Flügelschlag“ von Christoph Klimke. Anhand der Texte kamen ganz von alleine Diskussionen zu den unterschiedlichsten übersetzerischen Themen in Gang: Warum ein guter Ausgangstext besser zu übersetzen ist als ein schlechter, in welchem Maße man in der Übersetzung Satzzeichengewohnheiten des Autors übernehmen sollte, wie man die im Finnischen geläufigen Gentitivketten im Deutschen umgehen kann oder wie viele Tragegriffe Günter Grass und seine Frau an ihren Särgen denn nun haben wollten: vier oder acht?

Dass all diese Diskussionen von der größtmöglichen Fairness und Kollegialität geprägt waren, lag sicher zum einen an der glücklichen Zusammensetzung der Gruppe, zum anderen aber auch am umsichtigen und sehr zurückhaltenden Führungsstil der beiden Seminarleiterinnen, die auch abends noch beim Bier/Sekt/Wein gerne zu Quatsch und Spiel aufgelegt waren. Danke, Elina und Tarja!

Und wer später immer noch nicht genug von Texten hatte, hatte in den allgegenwärtigen Bücherregalen auf Fluren, Zimmern und im Seminarraum reichlich Gelegenheit, in das eine oder andere Werk reinzuschnuppern. Im Regal vor meinem Zimmer (Buchstabe G) fand ich übrigens beim Blättern in der finnischen Übersetzung von Günter Grass‘ „Die Rättin“ („Rottarouva“, übersetzt von der ebenfalls anwesenden Oili Suominen) folgende ermutigende Widmung des Autors:

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Der Präsident und sein Lieblingsautor

Das muss man sich mal vorstellen: Der Staatspräsident eines europäischen Landes trifft sich mit einem seiner Lieblingsautoren, einem US-Literaten, aber nicht hinter verschlossenen Türen, sondern öffentlich, und es ist nicht irgendein Treffen, sondern der Präsident interviewt den Autor, stellt ihm Fragen zu seinem Werk, zu Literatur allgemein, zu gesellschaftlichen Themen und zum Amerikanischen Traum, um nur einige zu nennen. Das hat tatsächlich stattgefunden, und zwar vorgestern in Helsinki: Der finnische Staatspräsident Sauli Niinistö traf den US-Autor Paul Auster – in der größten Buchhandlung des Landes, dem ehrwürdigen Akateeminen Kirjakauppa, und hunderte Menschen sahen zu, wie der Präsident den Autor bescheiden und mit ehrlichem Interesse anscheinend alle Fragen stellte, die er ihm schon immer mal stellen wollte.

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Paul Auster (l.) im Interview mit dem finnischen Staatspräsidenten Sauli Niinistö (Foto: YLE)

Auch wenn Niinistö sich prinzipiell im Wahlkampf um die erneute Präsidentschaftskandidatur befindet, hatte man nicht den Eindruck, dass es ihm hier um Wählerstimmen ging, sondern er nahm sich zurück, hörte zu und war allem Anschein nach voller Ehrerbeitung und Interesse für den Gast aus New York. Und Auster, offenbar nicht minder begeistert von dem Treffen, sprach über seine Entdeckung Edgar Allan Poes als Zehnjähriger, seine Begeisterung für Emily Dickinson, darüber, warum die Figuren in seinen Büchern so viel lesen, was er von der Flagge der Konföderierten hält und warum der Amerikanische Traum für ihn ein leerer Mythos ist. Auch der amtierende US-Präsident, den Auster ausschließlich als „Number 45“ titulierte, spielte im Interview natürlich eine Rolle. Am Ende dankte Auster „Sauli“ für das Treffen, er fühle sich geehrt und werde diesen Tag immer in Erinnerung behalten – woraufhin der Präsident sich beeilte zu versichern, dass die Ehre für ihn größer gewesen sei. Hier ist das Interview in voller Länge abrufbar – natürlich auf Englisch.

Warum ich hier darüber schreibe, wo es doch gar nicht um finnische Literatur geht? In Finnland wird viel gelesen, Bibliotheken gehören zum täglichen Leben, die Schulbildung ist vielseitig und unterstützt Schüler_innen individuell. Und ja, auch der Präsident liest. (Ein Umstand, den auch Auster am Ende des Gesprächs noch einmal begeistert hervorhob.) Aus meiner Sicht ist dieses halbstündige Interview, das hunderte Zuschauer vor Ort quasi atemlos verfolgten, ein großartiges Signal, für die gesamte finnische Gesellschaft, aber auch für alle Kulturschaffenden. Der in Finnland traditionell hoch angesehene Staatspräsident gibt sich öffentlich als Suchender, als Fragender zu erkennen – und war damit auf Augenhöhe mit Auster, der erklärte, dass seine Bücher immer eine Selbstbefragung darstellten -, doch er stellt seine Fragen nicht einem Juristen oder Wirtschaftswissenschaftler, sondern einem Autor belletristischer Werke, den er persönlich bewundert. Das ist einerseits eine Lektion in persönlicher Demut und andererseits ein Ritterschlag für die Literatur, der aus meiner Sicht weitaus mehr Gewicht hat als alle Literaturpreise zusammengenommen. Das verdient höchsten Respekt und wird die finnische Gesellschaft hoffentlich noch lange im Positiven beschäftigen – auch wenn der Gesprächspartner kein finnischer Autor war. Aber wer weiß, was wir noch erwarten können…

Niinistö (geb. 1948) ist der 12. Präsident der Republik Finnland und seit 2012 im Amt. Er hat selbst zwei autobiographisch geprägte Bücher veröffentlicht und ist seit 2009 in zweiter Ehe mit der Lyrikerin Jenni Haukio verheiratet.