Rechte für „Meine Katze Jugoslawien“ an btb verkauft

Kissani-Jugoslavia

Pajtim Statovci: Kissani Jugoslavia

Die Übersetzungsrechte des erfolgreichen Debütromans „Kissani Jugoslavia“ von Pajtim Statovci wurden bereits in zahlreiche Sprachen verkauft. Nun sicherte btb sich kürzlich nicht nur die deutschen Rechte seines Erstlingswerkes, sondern auch die seines zweiten Romans, „Tiranan sydän“ (dt. „Das Herz von Tirana“).

„Kissani Jugoslavia“ wurde 2014 mit dem Debütpreis der Helsingin Sanomat ausgezeichnet und letztes Jahr von der New York Times hochgelobt. Den Inhalt dieses unbedingt zu empfehlenden Buches hat Tanja Küddelsmann hier zusammengefasst.

 

 

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Licht Licht Licht

137792Vilja-Tuulia Huotarinen: valoa valoa valoa (dt. „Licht Licht Licht“)

„Wenn ihr Angst vor 1) Liebe 2) Kernexplosionen habt, dann öffnet dieses Buch nicht.“, warnt die Erzählerin im Klappentext.

Sommer 1986. Die 14-jährige Mariia lernt Mimi kennen und wird sofort von ihr und ihrer Trauer in den Bann gezogen. Mimi ist für sie pures Licht. Während Mariia in ihrer Kernfamilie lebt, zu der sie jedoch keine Bindung hat, wohnt Mimi mit der Großmutter, der Tante und zwei Großonkeln zusammen. Anfangs treffen die beiden Mimis Großmutter zuliebe die Vereinbarung, Mariia solle Mimis Freundin spielen. Doch dann entwickelt sich aus dieser unechten Freundschaft eine intensive, hochemotionale Liebesbeziehung.

Mimis Mutter leidet an einer sich verschlimmernden Krankheit, was die Familie jedoch keinesfalls näher zusammenrücken lässt. Hinter Mimis tiefer Trauer steckt ein schreckliches Geheimnis, dessen Schlüssel Mariia bestrebt ist zu finden.

1986 ist auch das Jahr von Tschernobyl, das seinen Platz im Roman hat, jedoch nicht im Fokus steht. Es dient vielmehr als dunkle Parallele zwischen der tödlichen Strahlung aus dem Kernreaktor und der Ausstrahlung, die von Mimi ausgeht.

„Valoa valoa valoa“ ist ein Tagebuchroman, in dem die Leser*innen regelmäßig direkt angesprochen und mit ihren eigenen Erwartungen und sogar ihrem Voyeurismus konfrontiert werden. Immer wieder wird deutlich, dass das Erzählen der Geschichte sowohl eine Art Schreibtherapie darstellt als auch qualvoll ist. Mariia setzt sich aktiv mit gängigen Schreibregeln auseinander, um sie im selben Atemzug bewusst zu brechen. Der lyrische Prosastil mit seiner stark rhythmischen Struktur verleiht jedem Satz viel Gewicht, lässt die Emotionen so sehr greifbar werden und bietet ein hohes Identifikationspotenzial.

Für „Valoa valoa valoa“ wurde Vilja-Tuulia Huotarinen 2011 mit dem Finlandia Junior-Preis ausgezeichnet.

Vilja-Tuulia Huotarinen: valoa valoa valoa. Roman, Karisto (2011), 175 Seiten.

Übersetzungsrechte: Karisto Oy

Runeberg-Preis für „Die Mutter aller Verluste“

Am Front_cover_Kaikkien_menetysten_aiti5. Februar wurde der alljährliche Runeberg-Preis für Literatur vergeben und ging diesmal an Marjo Niemis fünften Roman „Kaikkien menetysten äiti“ („Die Mutter aller Verluste“).

Die Ich-Erzählerin Mona führt uns in Form eines rasant erzählten Bewusstseinsstrom-Monologs durch ihr Seelenleben. Sie findet sich an ihrem Arbeitsplatz plötzlich auf einer dunklen Bühne wieder, die keinen Anfang und kein Ende zu haben scheint. Der einzige Scheinwerfer ist auf ihre tot auf einer Bahre liegende Mutter gerichtet. Alle erdenklichen Erklärungsversuche führen nirgendwohin. So beginnt sie ein Gespräch mit sich selbst, mit ihrer Mutter und bisweilen auch mit anderen Figuren, die auftauchen und wieder verschwinden. In ihrem existenzialistisch anmutenden Monolog geht es um Scham, Anderssein, Selbsthass, fehlende Nähe, schwierige Mutter-Kind-Beziehungen und unausgesprochene Dinge.

Im Interiew mit YLE nennt Marjo Niemi als Motivation für die Themenwahl  die finnische Kultur, bei der sie vor allem das Fehlen zwischenmenschlicher Nähe im Vergleich zu anderen Kulturen anprangert.

Die Jury bezeichnete den Roman als große Literatur in stilvoll umgesetzter Alltagssprache, in der all die Dinge, die zwischenmenschliche Beziehungen ausmachen, zum Vorschein treten und die sich mithilfe schwarzen Humors und schmerzhafter Ironie mit dem Thema Entfremdung und Selbstverständnis auseinandersetzt.

Marjo Niemi (Jahrgang 1978) schreibt Prosa, Theaterstücke und Kolumnen. Ihr zweiter Roman „Miten niin valo“ („Wie jetzt – Licht?“) wurde bereits 2008 für den Runeberg-Preis nominiert.

Der Preis wird mit 10.000 Euro dotiert und ist nach Johan Ludvig Runeberg benannt, der als Nationaldichter Finnlands gilt.

Marjo Niemi: Kaikkien menetysten äiti. Roman, Teos (2017), 203 Seiten.

Rechte: Helsinki Literary Agency

Rechte für „Himbeerschiffflüchtling“ verkauft

Die Rechte für Miika Nousiainens 2007 erschienenen Roman „Vadelmavenepakolainen“ (dt. „Himbeerschiffflüchtling“) wurden im Januar an Nagel & Kimche verkauft.

Der 2014 verfilmte satirische Roman handelt von Mikko Virtanen, der sehr zu seinem Leidwesen in der falschen Nationalität (nämlich der finnischen) geboren wurde. Der selbstbezeichnete „Nationalitätstransvestit“ setzt alles daran, sich endlich seine wahre schwedische Identität inklusive Vorzeigefamilie zu beschaffen. So bespitzelt er anfangs lediglich schwedische Familien im Urlaub, um ihr Verhalten so gut wie möglich kopieren zu können, doch schon bald wird er immer bessessener und greift zu drastischeren Mitteln, um sein Finnentum vollständig ablegen zu können. Als er schließlich die Identität des Schweden Mikael Andersson annimmt, der ihm diese bereitwillig überlässt und ihn vorab sogar noch in schwedischem Lebensstil unterrichtet, läuft die Sache aber irgendwann aus dem Ruder.

Das Himbeerschiff im Titel spielt übrigens auf schwedische Himbeerfruchtgummis in Schiffchenform an, an die der Protagonist ganz besondere Kindheitserinnerungen hegt.

Ein herrlich witziger Roman, der ordentlich mit finnischen und schwedischen Stereotypen aufwartet und beide Kulturen gekonnt auf die Schippe nimmt – somit ein Must-Read für Fans beider Länder!

Wir dürfen also gespannt auf die deutsche Übersetzung sein. Bei Nagel & Kimche ist bereits 2017 Nousiainens vierter Roman „Die Wurzel alles Guten“ (Übersetzerin: Elina Kritzokat; Original: „Juurihoito“) erschienen.

 

Kunnas schießt den Vogel ab

Kunnas_historia

Allgemein erfreulich: In Finnland wurden 2017 mehr Bücher gekauft als im Vorjahr, und zwar ganze 5,4 Prozent. Ob das am Jubeljahr Finnland100 lag? Denn auffallend ist, dass die ersten Plätze der Belletristik- und auch der Kinder- und Jugendbuch-Bestsellerliste von Büchern belegt werden, die sich mit der Geschichte Finnlands beschäftigen.

Den absoluten Vogel hat dabei Altmeister Mauri Kunnas mit seinem Bilderbuch „Koiramäen Suomen historia“ (Otava; dt. „Hundeberg: Die Geschichte Finnlands“) abgeschossen: Der Titel verkaufte sich sage und schreibe 163.100 Mal und ist damit das im Erscheinungsjahr meistverkaufte finnische Buch aller Zeiten. Es beschreibt auf lockere und kindgerechte Art und Weise die Geschichte Finnlands vom 16. bis zum 19. Jahrhundert, und die Illustrationen im bewährten Kunnas-Stil tun natürlich ein Übriges zum vergnüglichen Lese- und Schauerlebnis. Mauri Kunnas (geb. 1950) ist der erfolgreichste finnische Bilderbuchautor und Illustrator und ist in Deutschland vor allem mit seinen Weihnachtsmann-Büchern bekannt geworden.

Auf Platz eins der Bestsellerliste für Belletristik steht der Finlandia-Preis-Gewinner von 2017, Juha Hurme mit seinem Buch „Niemi“ (Teos, dt. Die Halbinsel). Das Buch verkaufte sich stolze 64.000 Mal. Auch Hurme erzählt im Grunde eine Geschichte Finnlands, allerdings von einer kosmischen Warte aus. Den zweiten Platz der Belletristik-Liste 2017 belegt – auch das ungewöhnlich – eine Lyrikanthologie: „Katso pohjoista taivasta“ (dt. Sieh den nördlichen Himmel, hrsg. von Jenni Haukio, Otava). Der Band versammelt bekannte Namen der finnischen Lyrik von Aleksis Kivi bis heute und wurde speziell zum Jubiläumsjahr der finnischen Unabhängigkeit zusammengestellt. Dass die Herausgeberin die Ehefrau des amtierenden finnischen Staatspräsidenten (und selbst anerkannte Lyrikerin) ist, hat vermutlich auch zum Erfolg des Bandes beigetragen.

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Übrigens auch das drittplatzierte Buch der Liste beschäftigt sich mit dem 100-jährigen Finnland: Tuomas Kyrö lässt uns in „Mielensäpahoittajan Suomi“ (dt. Der Grantige und sein Finnland, WSOY) die Geschichte Finnlands durch die Augen seines „Grantigen“ sehen, dessen bissige Einlässe inzwischen auch auf Deutsch erhältlich sind.

Man wird sehen, wie sich der finnische Buchmarkt 2018 entwickelt, in dem Jahr, in dem die 100-jährige Wiederkehr des kurzen, aber blutigen finnischen Bürgerkriegs begangen wird. Reichlich Titel sind zu dem Thema in jedem Fall bereits erschienen.

Was für eine Frischluftvergiftung, bitte?

Gestern hat mich ein Karton sehr, sehr glücklich gemacht. Und zwar der Karton mit den Belegexemplaren des von mir übersetzten Romans „Frischluftvergiftung bei minus 20 Grad“ von Siina Tiuraniemi, soeben erschienen bei dtv.

Dieser wunderbare, tragikomische Roman erzählt von dem etwas verpeilten Studenten Miska, der von seiner Mutter losgeschickt wird, um eine ältere Verwandte im Pflegeheim zu besuchen. Diese Verwandte, Birgitta, ist aber mitnichten die friedliche alte Dame, die Miska sich ausgemalt hat, sondern eine beinamputierte Alkoholikerin, die kein Blatt vor den Mund nimmt. Als sie Miska auffordert, ihr Schnaps ins Pflegeheim zu schmuggeln, lehnt dieser natürlich ab, doch er lässt sich fatalerweise dazu hinreißen, Birgitta den Joint zu geben, den er zufällig in der Tasche hat. Und es soll nicht bei dem einen bleiben … Dass Miska kurz darauf einen durchgeknallten alten Ex-Schauspieler kennenlernt, der mit ihm Wasserpfeife raucht und einen ansehnlichen Vorrat an Cannabis in seiner Wohnung verwahrt, scheint zunächst ein Glücksfall. Doch dann wird alles immer komplizierter …

Natürlich will ich hier nicht zuviel verraten. Ich bin von dem Buch nach wie vor begeistert und freue mich, wenn es hierzulande viele Leser findet, denn es ist nicht nur lustig, sondern setzt sich nebenbei auch mit der Situation alter Menschen in unserer Gesellschaft auseinander, es hat bei aller Skurrilität bis Bärbeißigkeit der Figuren viel Wärme und ist einfach ein herzerfrischendes Gesamtpaket. Und die verstiegenen Gedanken, die Miska sich zu allen möglichen Themen macht, sind in ihrer Absurdität einfach genial.

Was mich besonders freut, ist auch, dass ein langer Weg hiermit zum Erfolg geführt hat, denn ich hatte dem Verlag das Buch seinerzeit selbst empfohlen, und dass es nun tatsächlich in meiner Übersetzung herausgekommen ist, macht mich stolz und glücklich. Darauf einen Minttu!