Sicher ist sicher

Nelli Hietala: Varotoimia („Vorsichtsmaßnahmen“)

Als die 32-jährige Taimi, die bei einer Versicherung arbeitet, im Überlandbus von einem Wochenendausflug zurückkommt, spielt sie wie immer im Geist alle möglichen Katastrophenszenarien durch: Der Bus kommt von der Straße ab, stößt mit einem Elch zusammen oder wird von einem herabfallenden Felsbrocken zermalmt. Sie malt sich alles ganz genau aus. Doch es kommt anders: An einer Haltestelle setzt sich – für den gemeinen Finnen ein Graus – ein fremder (!) Mann (!) neben (!) sie, noch dazu ein gutaussehender Mann mit eindeutigem Migrationshintergrund. Und er schnallt sich nicht mal an! Es kommt zu weiteren inneren Dialogen: Ist doch gut, dass er Taimi nicht anspricht – oder stimmt mit ihr etwa was nicht? Und was genau ist es? Ach was, sie findet gutaussehende Männer sowieso suspekt. Aber warum hat er keine Jacke an?

Schließlich kommt es nicht nur zum Gespräch (in beiderseitigem akzentfreien Finnisch), sondern die beiden stranden auch noch ohne Gepäck im Dunkeln in einem Dorf am gefühlten Ende der Welt, und Taimi beschließt, dass Samir, der arme Mann mit Migrationshintergrund, die Nacht ohne ihre Hilfe nicht überleben wird. Es könnte ja sein, dass er in der Dorfkneipe zusammengeschlagen wird oder sich verläuft oder von Bären gefressen wird. Also schleppt sie ihn – „keine Widerrede!“ – mit in eine Hütte in einem nahegelegenen Feriendorf, der einzigen Übernachtungsmöglichkeit im Umkreis von Kilometern. Auch auf dem Weg dorthin lauern natürlich alle möglichen imaginären Gefahren, und dass die einzigen weiteren Gäste eine Gruppe von Jägern sind, trägt nicht gerade dazu bei, dass Taimi sich sicherer fühlt …

Als sie schließlich herausfindet, dass sie vor lauter Vorsichtsmaßnahmen das Wesentliche nicht mitbekommen hat, wird sie fuchsteufelswild und schlägt die zarten Gefühle, die sich zwischen ihr und Samir angebahnt haben, in den Wind. Vorerst.

Dieser höchst unterhaltsame kleine Roman ist alles andere als eine süßliche Liebesgeschichte, sondern zuallererst das tragikomische Psychogramm einer neurotischen Frau, die alles mindestens dreimal prüfen muss, bevor sie sich für etwas entscheidet. Ihre verstiegenen Gedanken, die auch noch die allerletzten potenziellen Risiken aus einer Sache herauskitzeln, sind herrlich amüsant zu lesen. Nelli Hietala (geb. 1981) seziert in diesem Roman sprachlich präzise und unglaublich lustig nicht nur das Innenleben einer heutigen Thirty-something, sondern nimmt damit auch die Auswüchse des Denkens einer Generation aufs Korn, die meint, sich bei jedem Schritt doppelt und dreifach absichern zu müssen.

Nelli Hietala: Varotoimia (dt. „Vorsichtsmaßnahmen“). Roman, 167 S.

Verlag Karisto (Info zu Rechten vorläufig über mich)

Gerne erstelle ich zu dem Titel ein Gutachten. Anfrage unter t.kueddelsmann@gmx.de

Ein Haus voller Geschichten

Das ist die Chance eures Lebens! Mit diesen Worten werden die Menschen in Kari Hotakainens neuem Roman Tarina (‚Geschichte‘) in die Stadt gelockt. Dort aber erwartet sie nicht das versprochene Paradies, sondern eine wild wachsende Betonlandschaft, die keine Gnade mit ihren Bewohner*innen kennt: Während die einen trotz glänzender Ausbildung keine Arbeit finden, hangeln sich die anderen von einer befristeten Stelle zur nächsten.

Alte Berufe verschwinden, während in der rasant wachsenden Unterhaltungs- und Schönheitsindustrie ständig neue erfunden werden, die aus jeder noch so kleinen Unsicherheit Kapital schlagen. Wer nicht zu den scheinbar Glücklichen gehört, die sich angesichts des Überangebots an Waren und Erlebnissen einen Konsum-Burnout leisten können, sitzt zwischen den blinkenden Werbetafeln auf der Straße oder vereinsamt in einer winzigen Wohnung, für deren Miete der karge Lohn kaum ausreicht. Und jeden Tag werden es mehr Menschen, die um den begrenzten Wohnraum kämpfen.

Inmitten dieser Krise wird ein altes Hochhaus für ein Modellprojekt ausgewählt: Auf eigens angefertigten Fragebögen müssen die Bewohner*innen ihre Lebensgeschichte erzählen – je besser die Geschichte, desto menschenwürdiger die Unterkunft, die ihnen am Ende des Projektes zugeteilt wird. Die Psychologin Ilona Kuusilehto soll die Fragebögen auswerten und so ein einfaches und objektives Abfertigen der Menschen ermöglichen. Zu Beginn versucht sie noch, sich einzureden, dass sie keine Mitschuld am Schicksal der Menschen im Haus trägt – immerhin tut sie nur, was man ihr aufgetragen hat. Doch je mehr Fragebögen sie liest, desto tiefer wird sie in die Erzählungen hineingezogen, und besiegelt damit auch ihr eigenes Schicksal.

Kari Hotakainen (geb. 1957), der für seine ironische Gesellschaftskritik weit über Finnland hinaus bekannt ist, spürt mit trockenem Humor und mal bedrückenden, mal komischen Bildern den Geschichten nach, die Menschen sich erzählen: im Marketing, in Anträgen um staatliche Unterstützung, in Interviews, in der Politik und auf dem Arbeitsmarkt ebenso wie im modernen Mythengebilde der Finanzmärkte und im True Crime-Boom. Der Roman springt zwischen den Perspektiven, lässt sprechende Tiere auftreten und wechselt immer wieder auch auf die Metaebene, ohne dabei jedoch sein Herzstück aus den Augen zu verlieren: die Leben, Sorgen und Hoffnungen der Menschen des Modellprojekts, die sich über die zynische Art, in der die Machthabenden über sie sprechen, und den degradierenden Fragebogen hinwegsetzen. Dem Sog ihrer Geschichten kann man sich auch beim Lesen nicht entziehen: nach den grauen Beschreibungen der Stadt, in deren Büros und teuren Cafés gesichtslose Gestalten sitzen, verschlingt man die Antworten auf den Fragebogen geradezu und sucht nach Verbindungen zwischen den lückenhaften Erzählungen. Bei allem Zynismus bleibt das Bedürfnis der Menschen nach Geschichten, das sie selbst zu den Angaben auf einer Quittung noch fabulieren lässt, so letztlich doch eine positive Eigenschaft – ebenso wie das Verlangen nach einem glücklichen Ausgang der Geschichte, dem das offene Ende schließlich aber doch nicht nachgeben möchte.

Kari Hotakainen: Tarina. Roman, 290 Seiten. Verlag: Siltala 2020.

Kontakt für Übersetzungsrechte: Helsinki Literary Agency / Urpu Strellman (urpu@helsinkiagency.fi)

Anfrage für ein Gutachten zu diesem Titel: Claudia Nierste / cn447446(at)gmail.com

Vom Dschungel in die Großstadt

Viidakon väki_CoverManchmal geht alles ganz schnell: Eben noch lebten die Giraffe Kornelius, die Henne und das Zebra Raita (‘Streifen‘) zusammen im Dschungel, wo sie ein unbeschwertes Leben unter Mangobäumen führten. Eines Tages jedoch wird ihre Heimat von Naturkatastrophen heimgesucht. Die Freunde versuchen zunächst, sich selbst zu helfen, doch gegen die einschneidenden Veränderungen ihrer Lebenswelt kommen sie nicht an. Ihnen bleibt nur die Flucht. Auf einem selbstgebauten Floß vertrauen sie sich dem offenen Meer an und erreichen schließlich eine große Stadt. Dort können sie nur staunen: Wie kann es Häuser geben, die noch größer sind als Kornelius, und warum gibt es hier überhaupt keine Bäume? Verwirrt stolpern sie durch den lärmenden Verkehr und finden endlich Zuflucht in einem Park, wo allerdings prompt das nächste Problem auf sie wartet: Kornelius zerstört aus Versehen das Heim der Katze Leibovitz. Als dann auch noch das Bauamt der Stadt ankündigt, den Park und damit die letzte grüne Oase der Stadt entfernen zu wollen, fassen die Tiere einen Entschluss: Sie wollen ein so ordentliches und jeder noch so kleinen Vorschrift entsprechendes Haus bauen, dass nicht einmal der Wolf Ronkeli (‘Nörgler‘) vom Bauamt es abreißen lassen kann, und damit den Park retten.

Johanna Lumme, die unter anderem als Illustratorin von Siri Kolus erfolgreichem Kinderbuch „Villitalo“ bekannt ist, führt Grundschulkinder in ihrem ersten eigenen Bilderbuch an die ernsten Themen Flucht und Migration heran. Dabei zeigt sie nicht nur, was es bedeutet, sich an einem Ort fremd oder heimisch zu fühlen, sondern knüpft auch an die Erfahrung von Heranwachsenden an, sich an für Erwachsene geschaffenen Orten zurechtfinden zu müssen – wie eben im Großstadtgewühl. Bedrückend wird es dabei nie, ganz im Gegenteil: Lummes farbenfroher Wasserfarben-Stil sprüht vor Energie und Humor, und auf den detaillierten Bilder finden neben der eigentlichen Geschichte zahlreiche kleine Nebenszenen zum Entdecken und Selbsterzählen Platz: Vor einer Schneiderei laden Schafe Wolle auf einen Laster, der von einem grinsenden Wolf gefahren wird, und an einer Ampel steht ein Fisch, der das Leben an Land mithilfe eines über den Kopf gestülpten Goldfischglases bestreitet.

Die Erzählung von Kornelius, Mutter Henne und Raita liefert keine einfachen Antworten, sondern regt auf kindgerechte Weise zur weiteren Beschäftigung mit ihren Themen an: Zwar gehen die Freunde jede neue Herausforderung mit unerschütterlichem Enthusiasmus an, doch am Ende bleibt auch nach dem erfolgreichen Hausbau eine Frage weiterhin offen: Sind wir jetzt Stadttiere, nur weil wir in der Stadt wohnen?

Johanna Lumme: Viidakon väki ja suuri muutto. Bilderbuch, 32 Seiten. Verlag: Otava 2019.

Kontakt für Übersetzungsrechte: Rights & Brands/Hanna Pajunen-Walsh, hanna.pajunen-walsh@rightsandbrands.com

Familie am Abgrund

Siina Tiuraniemis neuer Roman „Jäämeri“ (dt.: „Eismeer“)

„Jäämeri“, der zweite Roman von Siina Tiuraniemi, erzählt von einem unfreiwilligen Familien-Roadtrip durch das winterliche Finnland, von der tröstenden Kraft des Haferbreis und warum David Bowie auf einmal auf einer Küchenbank in Lappland sitzt.

Frischluftvergiftung bei minus 20 Grad„, der erste Roman von Siina Tiuraniemi (erschienen bei dtv, übersetzt von mir), wurde auch in Deutschland von vielen Leser:innen begeistert aufgenommen. Das Buch über den schluffigen Studenten Miska und seine manipulative, pflegebedürftige Tante Birgitta punktet nicht zuletzt mit schrägem Humor und herzerfrischenden Charakteren. Auch in Tiuraniemis neuem Roman „Jäämeri“ (dt. „Eismeer“) stehen familiäre Beziehungen im Mittelpunkt, doch hier ist der Humor subtiler, und man merkt, dass es der Autorin noch stärker um die literarische Form geht.

Helsinki im Januar 2016. Der alleinerziehende Jouni ist ein unauffälliger, aber rechtschaffener Lehrer Mitte dreißig, sein Sohn Martin (benannt nach Martin Heidegger!) ist sieben Jahre alt. Von Martins Mutter, der unzuverlässigen und viel jüngeren Laura, lebt Jouni getrennt, doch als er die Nachricht vom plötzlichen Tod seiner Mutter erhält, muss Laura einspringen, um in ihrem Auto alle drei nach Lappland zu kutschieren, denn Jouni hat sowohl Flugangst als auch keinen Führerschein. Auf der Fahrt brechen alte Konfliktlinien wieder auf, Laura wird mit ihrer familiären Vergangenheit konfrontiert, und auch Jouni stellt fest, dass er nicht alles so im Griff hat, wie er es sich und seine Umwelt gerne glauben macht. Der kleine Martin wiederum führt philosophisch angehauchte Unterhaltungen mit seinem Spielzeug Optimus Prime, um die Situation zu verarbeiten.

An einer Ratstätte erfährt Laura aus den Schlagzeilen, dass ihr großes Idol David Bowie gestorben ist, woraufhin sie einen Zusammenbruch erleidet und nicht weiterfahren kann. Doch kurzerhand erbietet sich ein Unbekannter, das Steuer zu übernehmen. Er nennt sich „Ei-Kai“ („Nicht-Kai“) und stellt sich schon bald, man höre und staune, als allwissender Erzähler des Romans heraus! Ei-Kai fungiert zum einen als eine Art guter Geist, der für die Figuren nur das Beste will. (Dennoch hält er sie nicht davon ab, sich in Schwierigkeiten und Streitereien zu begeben – nur greift er dann manchmal ein und wendet die Situation mit leichter Hand zum Guten.) Zum anderen stellt er einen – überaus gelungenen – Kunstgriff der Autorin dar, denn durch Ei-Kais Doppelrolle fängt der ganze Roman an, wunderbar-seltsam und aufs Literarischste zu schillern. Anders als geplant (und sehr zur Freude zumindest dieser Leserin) begleitet Ei-Kai die Familie dann sogar bis zum Eismeer, wo er schließlich auf geheimnisvolle Weise verschwindet.

Ein großartiger Roman über Familie, Mutterschaft, Verantwortung und Offenheit, gewürzt mit einer guten Prise Humor, nicht zuletzt durch die immer wieder eingestreute kindlich-naive Perspektive des kleinen Martin. Sehr empfehlenswert.

Bei Interesse erstelle ich gern ein ausführliches Gutachten: t.kueddelsmann@gmx.de

Siina Tiuraniemi: Jäämeri. Roman, Minerva 2020, 273 S.

Rechte über Maria Säntti: Maria.Santti@minervakustannus.fi

Es weihnachtet sehr

Finnische Buchbranche äußerst zufrieden mit dem Jahr 2020

Auch in der finnischen Wirtschaft hat das Corona-Jahr 2020 seine Spuren hinterlassen, auch wenn der Anteil der geschlossenen Geschäfte übers Jahr wesentlich niedriger war als in Deutschland. Doch die Buchbranche freut sich über deutlich höhere Verkaufszahlen: In einer vom staatlichen finnischen Literaturexportbüro FILI in Auftrag gegebenen Untersuchung zeigte sich, dass im ersten Halbjahr 2020 der Absatz im Vergleichszeitraum des Vorjahres um ganze 11,3 % gestiegen war. Fast die Hälfte davon (45 %) ist auf Hörbücher zurückzuführen, die nicht nur über den klassischen Buchhandel, sondern auch vermehrt über Streaming-Anbieter wie Storytel oder Bookbeat bezogen werden. Doch auch das gedruckte Buch konnte seine Stellung verteidigen und liegt mit einem Minus von nur einem Prozent fast auf dem Niveau des Vorjahres. Am häufigsten wurde Spannungsliteratur nachgefragt, daneben behalten Kinder- und Jugendbücher einen großen Anteil an verkauften Titeln.

Auch die Verlage sind zufrieden mit den Verkäufen in diesem Jahr: Timo Julkunen von WSOY freut sich für 2020 über einen Zuwachs von satten 25 % und sagt im YLE-Artikel: „Wir haben mit einer Steigerung der Verkauszahlen gerechnet, aber nicht in diesem Maße. Das übertrifft alle unsere Erwartungen. Für unseren Verlag ist es das bei weitem beste Jahr seit zehn Jahren.“ Auch die Verlage Otava und Teos sind sehr zufrieden mit den Verkaufszahlen 2020. Die Teos-Verkaufsleiterin Sari Häggqvist meint, die Coronazeit habe das Freizeitverhalten der Menschen verändert, mit positiven Ergebnissen für die Buchbranche, die sie als „Gewinnerin des Coronajahres“ bezeichnet.

FILI förderte Übersetzungen 2020 mit über 500.000 Euro

Insgesamt werden jährlich die Rechte an 300 bis 400 finnischen Titeln ins Ausland verkauft, wobei Deutschland regelmäßig auf den ersten drei Plätzen der Statistik zu finden ist. In den Jahren 2015 bis 2019 waren es je zwischen 26 und 39 Titeln, die auf Deutsch herauskamen, bis August 2020 verzeichnet die FILI-Statistik zehn, doch sicherlich sind im Herbst noch einige dazugekommen. Über eine halbe Million Euro an Übersetzungsförderung wurde von FILI 2020 für Übersetzungen von finnischen Titeln an ausländische Verlage ausgezahlt. Dabei konnten 81 % der Anträge positiv beschieden werden. Gefördert wurden 2020 Übersetzungen in insgesamt 40 Sprachen.

Dass FILI und die finnischen Verlage trotz aller gesellschaftlichen Widrigkeiten und Einschränkungen auf ein gutes Jahr 2020 zurückblicken, macht Mut! In diesem Sinne wünschen wir allen unseren Leser*innen ein geruhsames Weihnachtsfest und vor allem natürlich alles Gute für das neue Jahr, in dem wir hoffentlich in absehbarer Zeit wieder mehr Freiheiten und Zuversicht genießen dürfen! Oder auf Finnisch: Hyvää joulua ja onnellista uutta vuotta!

Zum Abschluss noch ein Weihnachtslied der finnischen Kantelistin Ida Elina: Selbst wenn man die Sprache nicht versteht, stellt sich doch eine wunderbare Weihnachtsstimmung ein.

Savonia-Preis für „meine“ Autorin

Petra Rautiainen für Debüt ausgezeichnet

Die junge finnische Autorin Petra Rautiainen (geb. 1988) hat für ihren Debütroman „Tuhkaan piirretty maa“, in diesem Jahr im Otava Verlag erschienen, den mit 12.000 Euro dotierten Savonia-Literaturpreis erhalten. Da ich den Titel derzeit ins Deutsche übersetze und von dem Buch auch begeistert bin, freut mich das natürlich besonders! Der Roman wird unter dem Titel „Land aus Schnee und Asche“ im Herbst 2021 im Insel Verlag erscheinen.

Er erzählt vom Krieg in Lappland 1944, von bis dahin totgeschwiegenen Gefangenenlagern und einer Finnin aus dem Süden, die nach dem Krieg nach Lappland kommt, um dem Schicksal ihres Mannes auf die Spur zu kommen, der dem Vernehmen nach in einem dieser Lager gewesen sein soll. Abwechselnd in Tagebuchform und personaler Erzählperspektive entfaltet sich das Geschehen, stets eingebettet in die eindrucksvoll geschilderte, karge lappländische Natur.

Petra Rautiainen (Foto: Rights & Brands / Jonne Rasanen)

In dem Roman spielen zudem die Sami und ihre damalige rassistische Unterdrückung eine zentrale Rolle: Ähnlich wie andere indigene Völker sollten auch sie von Staats wegen an die herrschende, hier eben die finnische, Kultur assimiliert werden, Kinder wurden von ihren Familien getrennt und in Internate gesteckt, wo sie auch untereinander nur noch Finnisch sprechen durften.

Thematik ist Neuland in der finnischen Belletristik

Dieses Thema ist ebenso wie die deutschen Gefangenenlager bis heute in der finnischen Literatur noch wenig behandelt und daher Neuland, sicher einer der Gründe, warum die Jury sich für diesen Titel als Savonia-Preisträger entschieden hat. Petra Rautiainen wünscht sich denn auch, dass die Thematik durch den Preis stärker ins Licht der finnischen Öffentlichkeit gerückt wird.

Auch erzählerisch ist der Roman stimmig und gut komponiert: Rautiainen gelingt es nicht nur, Themen zu berühren, die auch heute noch hochaktuell sind, sondern ebenso die physischen und zwischenmenschlichen Grausamkeiten des Krieges hautnah erlebbar zu machen. Dabei ist der Roman immer spannend und bewegt sich nah an den Figuren.

Die Übersetzungsrechte an dem Titel sind mittlerweile in zehn Länder verkauft, unter anderem wird er auch auf Englisch, Niederländisch, Ungarisch, Französisch, Schwedisch und Norwegisch erscheinen. Speziell in Schweden und Norwegen warte man gespannt auf die Publikation, so die Autorin, da auch dort die behandelten Themen bislang in der Literatur kaum in Erscheinung getreten seien.

Der Savonia-Literaturpreis wird seit 1986 an eine Autorin oder einen Autor verliehen, die oder der aus der ostfinnischen Region Savo kommt oder dort lebt. Der Siegertitel wird von einer von der Stadt Kuopio eingesetzten Jury gekürt.

Auszeichnung für „Katie-Kate“

Anu Kaaja (Foto: Saara Salmi) hat für ihren feministischen Porno-Prinzessinnen-Roman „Katie-Kate“ als eine von drei Autorinnen den Kalvi-Jäntti-Literaturpreis erhalten. Das teilte die Helsinki Literary Agency mit, die Anu Kaaja vertritt. Die Jury stellte fest, dass der Roman erst einmal befremde, aber durch die Souveränität und Unvoreingenommenheit besteche, mit dem er verschiedene Genres vermischt. Unter all der Obszönität stecke eine kluge und wütende feministische Analyse von Klasse und Geschlecht.

Der Kalevi-Jäntti-Preis ist mit 18.000 Euro dotiert und wurde seit 1942 zunächst für ein Buch vergeben, seit den 1970er Jahren gibt es öfter auch mehr als eine*n Preisträger*in. Frühere ausgezeichnete Autor*innen sind etwa Tuomas Kyrö, Katja Kettu, Mikko Rimminen oder Iida Rauma.

Bereits für ihren Roman „Leda“ hatte Kaaja (geb. 1984) 2017 den Toisinkoinen-Preis für das beste zweite Buch erhalten. Dieser Preis wird von Studierenden der finnischen Literatur an der Universität Helsinki ausgelobt.

Finlandia-Preise vergeben

Gestern wurden in Helsinki die diesjährigen Finlandia-Literaturpreise vergeben: In der Kategorie Belletristik gewann Anni Kytömäki mit ihrem Roman „Margarita“ (Verlag Gummerus), in der Kategorie Kinder- und Jugendbuch heißt die Gewinnerin Anja Portin, ihr Titel „Radio Popov“ (Verlag S&S). Beide Autorinnen werden von der Helsinki Literary Agency vertreten. Kytömäki war vor einigen Jahren bereits mit ihrem Erstling „Kultarinta“ für den Finlandia nominiert.

Anni Kytömäki (Foto: Annina Mannila)

Einen weiteren Preis gab es wie immer in der Kategorie Sachbuch, er ging in diesem Jahr an das Autor*innenduo Seija-Leena Nevala und Marko Tikka für den Titel „Kielletyt leikit“ (dt. „Verbotene Spiele“, Atena) über die Geschichte finnischer Tanzverbote zwischen 1888 und 1948.

Der vor einigen Jahren eingeführte Publikumspreis ging in der Kategorie Belletristik an den neuen Roman von Tommi Kinnunen, beim Kinder- und Jugendbuch entschied sich das Publikum für den neuen Tatu-und-Patu-Band von Aino Havukainen und Sami Toivonen.

Der Finlandia-Preis ist der wichtigste und mit je 30.000 Euro höchstdotierte finnische Literaturpreis. Er wird jährlich von der Finnischen Buchstiftung vergeben, das Preisgeld kommt vom finnischen Verlagsverband.

Wie so viele Preisverleihungen in diesem Jahr fand auch die Finlandia-Zeremonie in kleinstem Rahmen und ohne Publikum statt, außer den beiden Moderator*innen und den Gewinner*innen war nur ein Musik-Duo anwesend, die in der einstündigen Live-Sendung ab und zu für – sehr finnische – Unterhaltung sorgte.

Ihr Wichtelein kommet

Die Weihnachtszeit ist da, und frisch bei mir eingetroffen ist auch der neue, von mir übersetzte Band um die quirlige siebenjährige Hilja und ihre Familie: „Hilja und der Weihnachtszauber“ von Heidi Viherjuuri! Wer die ersten beiden Bände („Hilja und der Sommer im grünen Haus“ und „Hallo, hier ist Hilja, das Abenteuer ruft“) kennt und schätzt, wird auch an diesem seine helle Freude haben: Hilja versucht, ihrer kleinen Schwester Taimi zu beweisen, dass es den Weihnachtsmann und auch die Wichtel wirklich gibt. Gar nicht so leicht, aber als erfahrene Spionieragentin hat Hilja natürlich so manchen Trick auf Lager. Wieder mit von der Partie sind auch der Opa (der beim Weihnachtsbaumholen ein ernstes Wörtchen mit dem Waldtroll reden muss) und die drei Nachbarinnen, sprich die Regenmantel-Omi, die Johannisbeer-Omi und die Erdbeer-Tante, die ihre ganz eigenen Ansichten zu Weihnachten haben. Ein schönes Gesamtpaket, das schon Vier- bis Fünfjährigen gut vorgelesen werden kann und wieder richtig viel Spaß macht!

Heidi Viherjuuri: Hilja und der Weihnachtszauber (WooW Books)

Neuer Podcast zu finnischer Literatur von HLA

Die noch recht junge Helsinki Literary Agency (HLA, gegründet 2017) hat vor einigen Tagen die erste Folge ihres neues Podcasts „Literature from Finland“ lanciert. In der Reihe sollen ab jetzt jeden Monat – auf Englisch – literarische Phänomene aus einer finnische Perspektive diskutiert werden. In der ersten Folge unterhält sich Agentin Urtė Liepuoniūtė mit dem renommierten finnischen Kulturjournalisten und Autor JP Pulkkinen über das Thema Spannungsliteratur: Gibt es spezifisch finnische Krimis, was ist das Besondere, und wo liegen die Unterschiede etwa zu schwedischer oder anderer nordischer Spannungsliteratur? So erfährt man hier etwa, warum finnische Ermittler*innen sich selbst nicht selten in Frage stellen und wie es kommt, dass, anders als in den meisten mitteleuropäischen Krimis, das innere Erleben der Hauptfiguren eine zentrale Rolle spielt. Mir hat das Hören dieses intelligenten Podcasts nicht nur großen Spaß, sondern auch einige neue Erkenntnisse gebracht – wer also tiefer in die Hintergründe finnischer Literatur einsteigen will, ist hier auf jeden Fall an der richtigen Adresse.