Es weihnachtet sehr

Finnische Buchbranche äußerst zufrieden mit dem Jahr 2020

Auch in der finnischen Wirtschaft hat das Corona-Jahr 2020 seine Spuren hinterlassen, auch wenn der Anteil der geschlossenen Geschäfte übers Jahr wesentlich niedriger war als in Deutschland. Doch die Buchbranche freut sich über deutlich höhere Verkaufszahlen: In einer vom staatlichen finnischen Literaturexportbüro FILI in Auftrag gegebenen Untersuchung zeigte sich, dass im ersten Halbjahr 2020 der Absatz im Vergleichszeitraum des Vorjahres um ganze 11,3 % gestiegen war. Fast die Hälfte davon (45 %) ist auf Hörbücher zurückzuführen, die nicht nur über den klassischen Buchhandel, sondern auch vermehrt über Streaming-Anbieter wie Storytel oder Bookbeat bezogen werden. Doch auch das gedruckte Buch konnte seine Stellung verteidigen und liegt mit einem Minus von nur einem Prozent fast auf dem Niveau des Vorjahres. Am häufigsten wurde Spannungsliteratur nachgefragt, daneben behalten Kinder- und Jugendbücher einen großen Anteil an verkauften Titeln.

Auch die Verlage sind zufrieden mit den Verkäufen in diesem Jahr: Timo Julkunen von WSOY freut sich für 2020 über einen Zuwachs von satten 25 % und sagt im YLE-Artikel: „Wir haben mit einer Steigerung der Verkauszahlen gerechnet, aber nicht in diesem Maße. Das übertrifft alle unsere Erwartungen. Für unseren Verlag ist es das bei weitem beste Jahr seit zehn Jahren.“ Auch die Verlage Otava und Teos sind sehr zufrieden mit den Verkaufszahlen 2020. Die Teos-Verkaufsleiterin Sari Häggqvist meint, die Coronazeit habe das Freizeitverhalten der Menschen verändert, mit positiven Ergebnissen für die Buchbranche, die sie als „Gewinnerin des Coronajahres“ bezeichnet.

FILI förderte Übersetzungen 2020 mit über 500.000 Euro

Insgesamt werden jährlich die Rechte an 300 bis 400 finnischen Titeln ins Ausland verkauft, wobei Deutschland regelmäßig auf den ersten drei Plätzen der Statistik zu finden ist. In den Jahren 2015 bis 2019 waren es je zwischen 26 und 39 Titeln, die auf Deutsch herauskamen, bis August 2020 verzeichnet die FILI-Statistik zehn, doch sicherlich sind im Herbst noch einige dazugekommen. Über eine halbe Million Euro an Übersetzungsförderung wurde von FILI 2020 für Übersetzungen von finnischen Titeln an ausländische Verlage ausgezahlt. Dabei konnten 81 % der Anträge positiv beschieden werden. Gefördert wurden 2020 Übersetzungen in insgesamt 40 Sprachen.

Dass FILI und die finnischen Verlage trotz aller gesellschaftlichen Widrigkeiten und Einschränkungen auf ein gutes Jahr 2020 zurückblicken, macht Mut! In diesem Sinne wünschen wir allen unseren Leser*innen ein geruhsames Weihnachtsfest und vor allem natürlich alles Gute für das neue Jahr, in dem wir hoffentlich in absehbarer Zeit wieder mehr Freiheiten und Zuversicht genießen dürfen! Oder auf Finnisch: Hyvää joulua ja onnellista uutta vuotta!

Zum Abschluss noch ein Weihnachtslied der finnischen Kantelistin Ida Elina: Selbst wenn man die Sprache nicht versteht, stellt sich doch eine wunderbare Weihnachtsstimmung ein.

Savonia-Preis für „meine“ Autorin

Petra Rautiainen für Debüt ausgezeichnet

Die junge finnische Autorin Petra Rautiainen (geb. 1988) hat für ihren Debütroman „Tuhkaan piirretty maa“, in diesem Jahr im Otava Verlag erschienen, den mit 12.000 Euro dotierten Savonia-Literaturpreis erhalten. Da ich den Titel derzeit ins Deutsche übersetze und von dem Buch auch begeistert bin, freut mich das natürlich besonders! Der Roman wird unter dem Titel „Land aus Schnee und Schatten“ im Herbst 2021 im Insel Verlag erscheinen.

Er erzählt vom Krieg in Lappland 1944, von bis dahin totgeschwiegenen Gefangenenlagern und einer Finnin aus dem Süden, die nach dem Krieg nach Lappland kommt, um dem Schicksal ihres Mannes auf die Spur zu kommen, der dem Vernehmen nach in einem dieser Lager gewesen sein soll. Abwechselnd in Tagebuchform und personaler Erzählperspektive entfaltet sich das Geschehen, stets eingebettet in die eindrucksvoll geschilderte, karge lappländische Natur.

In dem Roman spielen zudem die Sami und ihre damalige rassistische Unterdrückung eine zentrale Rolle: Ähnlich wie andere indigene Völker sollten auch sie von Staats wegen an die herrschende, hier eben die finnische, Kultur assimiliert werden, Kinder wurden von ihren Familien getrennt und in Internate gesteckt, wo sie auch untereinander nur noch Finnisch sprechen durften.

Thematik ist Neuland in der finnischen Belletristik

Dieses Thema ist ebenso wie die deutschen Gefangenenlager bis heute in der finnischen Literatur noch wenig behandelt und daher Neuland, sicher einer der Gründe, warum die Jury sich für diesen Titel als Savonia-Preisträger entschieden hat. Petra Rautiainen wünscht sich denn auch, dass die Thematik durch den Preis stärker ins Licht der finnischen Öffentlichkeit gerückt wird.

Auch erzählerisch ist der Roman stimmig und gut komponiert: Rautiainen gelingt es nicht nur, Themen zu berühren, die auch heute noch hochaktuell sind, sondern ebenso die physischen und zwischenmenschlichen Grausamkeiten des Krieges hautnah erlebbar zu machen. Dabei ist der Roman immer spannend und bewegt sich nah an den Figuren.

Die Übersetzungsrechte an dem Titel sind mittlerweile in zehn Länder verkauft, unter anderem wird er auch auf Englisch, Niederländisch, Ungarisch, Französisch, Schwedisch und Norwegisch erscheinen. Speziell in Schweden und Norwegen warte man gespannt auf die Publikation, so die Autorin, da auch dort die behandelten Themen bislang in der Literatur kaum in Erscheinung getreten seien.

Der Savonia-Literaturpreis wird seit 1986 an eine Autorin oder einen Autor verliehen, die oder der aus der ostfinnischen Region Savo kommt oder dort lebt. Der Siegertitel wird von einer von der Stadt Kuopio eingesetzten Jury gekürt.

Auszeichnung für „Katie-Kate“

Anu Kaaja (Foto: Saara Salmi) hat für ihren feministischen Porno-Prinzessinnen-Roman „Katie-Kate“ als eine von drei Autorinnen den Kalvi-Jäntti-Literaturpreis erhalten. Das teilte die Helsinki Literary Agency mit, die Anu Kaaja vertritt. Die Jury stellte fest, dass der Roman erst einmal befremde, aber durch die Souveränität und Unvoreingenommenheit besteche, mit dem er verschiedene Genres vermischt. Unter all der Obszönität stecke eine kluge und wütende feministische Analyse von Klasse und Geschlecht.

Der Kalevi-Jäntti-Preis ist mit 18.000 Euro dotiert und wurde seit 1942 zunächst für ein Buch vergeben, seit den 1970er Jahren gibt es öfter auch mehr als eine*n Preisträger*in. Frühere ausgezeichnete Autor*innen sind etwa Tuomas Kyrö, Katja Kettu, Mikko Rimminen oder Iida Rauma.

Bereits für ihren Roman „Leda“ hatte Kaaja (geb. 1984) 2017 den Toisinkoinen-Preis für das beste zweite Buch erhalten. Dieser Preis wird von Studierenden der finnischen Literatur an der Universität Helsinki ausgelobt.

Finlandia-Preise vergeben

Gestern wurden in Helsinki die diesjährigen Finlandia-Literaturpreise vergeben: In der Kategorie Belletristik gewann Anni Kytömäki mit ihrem Roman „Margarita“ (Verlag Gummerus), in der Kategorie Kinder- und Jugendbuch heißt die Gewinnerin Anja Portin, ihr Titel „Radio Popov“ (Verlag S&S). Beide Autorinnen werden von der Helsinki Literary Agency vertreten. Kytömäki war vor einigen Jahren bereits mit ihrem Erstling „Kultarinta“ für den Finlandia nominiert.

Anni Kytömäki (Foto: Annina Mannila)

Einen weiteren Preis gab es wie immer in der Kategorie Sachbuch, er ging in diesem Jahr an das Autor*innenduo Seija-Leena Nevala und Marko Tikka für den Titel „Kielletyt leikit“ (dt. „Verbotene Spiele“, Atena) über die Geschichte finnischer Tanzverbote zwischen 1888 und 1948.

Der vor einigen Jahren eingeführte Publikumspreis ging in der Kategorie Belletristik an den neuen Roman von Tommi Kinnunen, beim Kinder- und Jugendbuch entschied sich das Publikum für den neuen Tatu-und-Patu-Band von Aino Havukainen und Sami Toivonen.

Der Finlandia-Preis ist der wichtigste und mit je 30.000 Euro höchstdotierte finnische Literaturpreis. Er wird jährlich von der Finnischen Buchstiftung vergeben, das Preisgeld kommt vom finnischen Verlagsverband.

Wie so viele Preisverleihungen in diesem Jahr fand auch die Finlandia-Zeremonie in kleinstem Rahmen und ohne Publikum statt, außer den beiden Moderator*innen und den Gewinner*innen war nur ein Musik-Duo anwesend, die in der einstündigen Live-Sendung ab und zu für – sehr finnische – Unterhaltung sorgte.

Ihr Wichtelein kommet

Die Weihnachtszeit ist da, und frisch bei mir eingetroffen ist auch der neue, von mir übersetzte Band um die quirlige siebenjährige Hilja und ihre Familie: „Hilja und der Weihnachtszauber“ von Heidi Viherjuuri! Wer die ersten beiden Bände („Hilja und der Sommer im grünen Haus“ und „Hallo, hier ist Hilja, das Abenteuer ruft“) kennt und schätzt, wird auch an diesem seine helle Freude haben: Hilja versucht, ihrer kleinen Schwester Taimi zu beweisen, dass es den Weihnachtsmann und auch die Wichtel wirklich gibt. Gar nicht so leicht, aber als erfahrene Spionieragentin hat Hilja natürlich so manchen Trick auf Lager. Wieder mit von der Partie sind auch der Opa (der beim Weihnachtsbaumholen ein ernstes Wörtchen mit dem Waldtroll reden muss) und die drei Nachbarinnen, sprich die Regenmantel-Omi, die Johannisbeer-Omi und die Erdbeer-Tante, die ihre ganz eigenen Ansichten zu Weihnachten haben. Ein schönes Gesamtpaket, das schon Vier- bis Fünfjährigen gut vorgelesen werden kann und wieder richtig viel Spaß macht!

Heidi Viherjuuri: Hilja und der Weihnachtszauber (WooW Books)

Neuer Podcast zu finnischer Literatur von HLA

Die noch recht junge Helsinki Literary Agency (HLA, gegründet 2017) hat vor einigen Tagen die erste Folge ihres neues Podcasts „Literature from Finland“ lanciert. In der Reihe sollen ab jetzt jeden Monat – auf Englisch – literarische Phänomene aus einer finnische Perspektive diskutiert werden. In der ersten Folge unterhält sich Agentin Urtė Liepuoniūtė mit dem renommierten finnischen Kulturjournalisten und Autor JP Pulkkinen über das Thema Spannungsliteratur: Gibt es spezifisch finnische Krimis, was ist das Besondere, und wo liegen die Unterschiede etwa zu schwedischer oder anderer nordischer Spannungsliteratur? So erfährt man hier etwa, warum finnische Ermittler*innen sich selbst nicht selten in Frage stellen und wie es kommt, dass, anders als in den meisten mitteleuropäischen Krimis, das innere Erleben der Hauptfiguren eine zentrale Rolle spielt. Mir hat das Hören dieses intelligenten Podcasts nicht nur großen Spaß, sondern auch einige neue Erkenntnisse gebracht – wer also tiefer in die Hintergründe finnischer Literatur einsteigen will, ist hier auf jeden Fall an der richtigen Adresse.

Mit den Gedanken allein

Sivuhenkilö_coverDie Veröffentlichung des ersten eigenen Buches ist ein aufregender Moment. Jetzt wird sich alles ändern! So denkt zumindest die Erzählerin aus Saara Turunens Roman „Sivuhenkilö“. Die studierte Dramaturgin lebt in einer kargen Zwei-Zimmer-Wohnung, führt ein ausgesprochen unaufregendes Leben und erträgt zähneknirschend die ständigen Fragen ihrer Eltern nach Festanstellung, Haus und Kindern. Auch an ihrem Buch zeigt zunächst niemand Interesse – bis es mit einem wichtigen Preis ausgezeichnet wird. Plötzlich sind auch jene beeindruckt, die sie bisher belächelt haben, sie wird zu unzähligen Veranstaltungen eingeladen und zwingt sich in die Rolle der weltgewandten Autorin, um es möglichst allen recht zu machen. Glücklich aber macht sie der Erfolg nicht: In Interviews stolpert sie über die eigenen Worte, und die Marketingmaschine des Buchmarktes verlangt ständig neue, werberelevante Narrative um ihre Person und ihr Schreiben. Erst als sie sich der inneren Leere stellt und ihr Leben selbst in die Hand nimmt, findet sie zu neuem Selbstbewusstsein und ihrer eigenen Stimme.

„Sivuhenkilö“ (dt. ‚Nebenfigur‘) erzählt die Geschichte einer Außenseiterin, die sich innerlich überall querstellt: Das Mantra der Produktivität, das einseitige Verständnis vom Erwachsenenwerden, das sich nur an Äußerlichkeiten bemisst, sowie die überall vorherrschende Heteronormativität und das Ideal der Mutterschaft als größtmögliche Errungenschaft einer Frau sind ihr ebenso zuwider wie das reflexartige Verstummen angesichts politischer Themen und der Rückzug in eine vermeintliche Neutralität. Von Letzterem nimmt sie sich dabei nicht aus: Zu oft steckt sie zurück, wenn Bekannte davon ausgehen, dass sie als kreativ arbeitende Frau ständig Zeit für sie hat, wenn Literaturkritiker:innen in ihren Rezensionen sexistische Stereotype reproduzieren und Autoren einen Kanon voller Männer als Maßstab wahrer Kunst zitieren. Im Konflikt zwischen ihren eigenen Überzeugungen und den Vorgaben der Gesellschaft erkennt sie außerdem, wie weit sie deren Werte trotz allem Widerstand internalisiert hat und wie tief die Zweifel an ihren eigenen literarischen Fähigkeiten wirklich reichen.

Turunens Sprache zumindest liefert den Beweis dafür, dass die Erzählerin diese Zweifel völlig grundlos hegt: Nicht nur hat sie ein Auge für Details, die die Stimmung einer Situation meisterhaft einfangen, sondern auch ein sicheres Gespür für effektvolle Beschreibungen alltäglicher Dinge und Situationen. Dabei nutzt sie mal zarte, lyrische Bilder, mal schroffe Visionen oder schauerliche Verfremdungen, um tiefe Einblicke in das Empfinden der Erzählerin zu geben. Entstanden ist ein Roman über das zweite Erwachsenwerden, der trotz seiner bisweilen kompromisslosen Gesellschaftskritik mit einem hoffnungsvollen Blick in die Zukunft endet.

Saara Turunen: Sivuhenkilö. Roman, 233 Seiten. Verlag: Tammi 2018.

Kontakt für Übersetzungsrechte: Elina Ahlbäck Literary Agency / Elina Ahlbäck, elina@ahlbackagency.com

Ein bunter Streifzug für junge Geschichtsfans

Im Leben gibt es viele Momente, in denen sich etwas entscheidet. Mal geschieht das durch Zufall, mal durch das Zutun anderer Menschen. Manchmal aber liegt die Möglichkeit, das eigene Leben zu verändern, plötzlich ganz nahe, wie das Ende eines feinen, roten Fadens, an dem man ziehen könnte… wenn man sich nur traut.

Das Kinderbuch „Hetki ennen kuin maailma muuttui“ (englischer Titel: „Moments Before the World Changed“) folgt der Spur dieser Momente um den Globus. In kurzen Kapiteln treten verschiedene Personen auf, die mit ihren einzigartigen Ideen, mutigen Handlungen und unerschütterlichen Überzeugungen in die Geschichte eingegangen sind. Mit dabei ist die US-Amerikanerin Elizabeth Magie, die den Vorläufer zum heutigen Monopoly entwickelte, um auf Armut und Ungleichheit aufmerksam zu machen, aber auch der Japaner Hanaya Yohei, der das moderne Sushi erfand, und der australische Sprachtherapeut Lionel Logue, der dem britischen König George VI. half, sein Stottern zu überwinden. Neben die polnisch-französische Wissenschaftlerin Marie Curie, die als erste Frau einen Nobelpreis erhielt, treten die Bürgerrechtlerin Rosa Parks und ihre Vorreiterin Claudette Colvin, die sich vor mehr als 60 Jahren der Segregation in öffentlichen Bussen in den USA widersetzten. Ein Kapitel erzählt vom Kvennafrídagurinn im Jahr 1975, als die Frauen auf Island für mehr politisches Mitspracherecht streikten, ein anderes wiederum von der liberianischen Bürgerrechtlerin Leymah Gbowee, die an der Spitze der Friedensbewegung in ihrem Heimatland stand.

Mit ihrer kindgerechten und zugleich präzisen Sprache regen die Kapitel des Buchs zum Nachdenken über Geschichte an und bieten einen Ausgangspunkt für Gespräche, aus denen auch Eltern noch etwas lernen können. Matti Pikkujämsäs große, farbenfrohe Illustrationen nehmen sich hier mit ausladenden Pinselstrichen, dort mit vielen Details der vorgestellten Personen und Ereignisse an und machen die Menschen hinter den Namen und Geschichten sinnlich erfahrbar.

Ganz am Ende des Buches steht schließlich wieder der rote Faden – gefolgt von einer Aufforderung, ihn zu ergreifen.

Jenni Pääskysaari & Matti Pikkujämsä: Hetki ennen kuin maailma muuttui. Sachbuch, 88 Seiten. Verlag: Otava 2019

Kontakt für Übersetzungsrechte: Rights & Brands Finland / Hanna Pajunen-Walsh, hanna.pajunen-walsh@rightsandbrands.com

Neuzugang bei Lue.Finland

Claudia_Nierste_klIch freue mich sehr über eine neue Mitstreiterin im Blog, und weil sie hier schon mehrere Bücher empfohlen hat, möchte ich sie endlich einmal persönlich vorstellen: Claudia Nierste (27) hat Fennistik in Greifswald und Tampere studiert und war im Herbst/Winter 2019/20 als Praktikantin bei FILI in Helsinki, wo ich sie im Rahmen meiner Übersetzerresidenz kennengelernt habe. Eigentlich wollten wir uns nur zu einem Blogprojekt austauschen, das sie mit einer Kommilitonin plant, doch dann kam die Idee auf, dass sie ja auch bei Lue.Finland Beiträge über finnische Bücher schreiben könnte.

Was neben ihrem guten Schreibstil überaus bemerkenswert ist: Claudia kam erstmals bei einem Au-pair-Aufenthalt  in Finnland – also nach ihrem Schulabschluss – mit dem Finnischen in Berührung. Ihre damals vor Ort erworbenen Kenntnisse hat sie im Studium weiter vertieft und vervollkommnet, und seit dem Masterstudium wuchs auch das Interesse am Übersetzen finnischer Literatur. Unter anderem hat sie an dem Projekt „Neue Nordische Novellen VI“ an der Uni Greifswald als Herausgeberin und Übersetzerin mitgewirkt. Außerdem war sie 2019 Praktikantin im Finnland-Institut in Berlin und hat im selben Jahr sowie im Frühjahr 2020 an Übersetzer-Fortbildungen teilgenommen.

Ihre Lieblingsliteraturgenres sind Belletristik, Phantastik und Graphic Novel, wobei sie die Autor:innen Maarit Verronen, Anu Kaaja, Janos Honkonen und JP Koskinen besonders schätzt – und das hat sich ja auch bereits in Buchvorstellungen hier im Blog niedergeschlagen.

Herzlich willkommen und tervetuloa bei Lue.Finland, Claudia!

Lady Die und Waity Katie

kansi_katie-kate

Sie hat es geschafft und doch nicht: Åsa ist gleich nach der Schule aus ihrer nicht näher bezeichneten skandinavischen Heimat nach London gezogen, um es dort zu etwas zu bringen. Mittlerweile in ihren Dreißigern, war sie schon als Kellnerin, Kindermädchen und Aushilfe beschäftigt, alles nur zeitweise, findet keine Stabilität, hat ihren Traumprinzen immer noch nicht gefunden. Als dem Monarchistenpaar Helen und Roger ihre verblüffende Ähnlichkeit zur britischen Herzogin Kate Middleton auffällt, zieht sie zu ihnen in einen öden Vorort von London. In einer Wohnung, die überquillt von Memorabilia der Königsfamilie, entwickelt sich eine leidenschaftslose Dreiecksbeziehung. Katie-Kate, wie Åsa bald nur noch genannt wird, gibt gegen Geld die Kate Middleton-Imitatorin und füllt die innere Leere mit dem nächtelangen Konsum von Pornos, bis sie selbst nur noch in den Dimensionen der über ihren Bildschirm flackernden Filmchen denken kann.

Anu Kaaja erzählt Åsas Geschichte in einer schonungslosen Sprache, in der sich Schlagworte aus Frauenmagazinen (effortless beauty, embrace it, oh my god), bissige Wortspiele und sexualisierte Bilder abwechseln. Jedes essayistische Kapitel ist benannt nach gängigen Pornokategorien (Blow Job, Threesome, Creampie, Bride, Public, Fisting) und bietet eine Collage der Misogynie: In freien Assoziationen, die von den Narrativen der Hochzeitsindustrie über die Darstellung weiblicher und männlicher Tiere in Disneyfilmen und die Berichterstattung zur englischen Königsfamilie zu den Monopolen der Pornowelt springen, rechnet sie mit der Gesellschaft und den Medien ab. „Katie-Kate“ ist mit scharfer Feder, Wut und der zynischen Müdigkeit einer Frau geschrieben, die genug hat von den rosaroten, auf maximale Vermarktbarkeit gebürsteten Prinzessinnenträumen und den Wertzuweisungen aufgrund von Jugend, Jungfräulichkeit, Normschönheit und Gebärfähigkeit – genug von Männern, die Sexismus biologisieren und natürliche Schönheit nach ihren Vorstellungen fordern, und reichen, einflussreichen Frauen, die pseudofeministische Erfolgsgeschichten von befreiender Selbstoptimierung verbreiten.

Am Ende zieht Katie-Kate selbst einen Schlussstrich und verschwindet lautlos im Nirgendwo: Exit, Brexit, Katexit.

Anu Kaaja: Katie-Kate. Roman, 262 Seiten. Verlag: Teos 2020.

Kontakt für Übersetzungsrechte: Helsinki Literary Agency / Urpu Strellman (urpu@helsinkiagency.fi)