Braem-Preis für Stefan Moster

Herzlichen Glückwunsch! Der Finnisch-Übersetzer Stefan Moster bekommt in diesem Jahr den renommierten Helmut-M.-Braem-Übersetzerpreis für seine herausragende Arbeit an dem Romanklassiker „Im Saal von Alastalo“ von Volter Kilpi (mare Verlag). Mit der Romanübersetzung war er bereits für den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Übersetzen nominiert. Gleichzeitig bekommt Moster die Auszeichnung für sein übersetzerisches Gesamtwerk.

Stefan Moster
(Foto: Mathias Bothor)

Die Jury begründet die Entscheidung für Moster unter anderem folgendermaßen: „Mit seiner Übersetzung des über tausendseitigen Romans ist es Stefan Moster gelungen, einen bilderreichen, rhythmisch expressiven Text von großer stilistischer, syntaktischer Komplexität zu schaffen. Seine einfühlsame Übertragung lässt die singuläre Ästhetik des Romans auf Deutsch neu entstehen.“

Stefan Moster, Jahrgang 1964, übersetzt seit Jahrzehnten Literatur aus dem Finnischen. Darunter sind neben Volter Kilpi Werke von Rosa Liksom, Olli Jalonen, Selja Ahava, Sofi Oksanen, Pajtim Statovci und vielen anderen. Außerdem ist Moster auch als Romanautor und Herausgeber tätig.

Der Braem-Preis wird alle zwei Jahre vom Freundeskreis Literaturübersetzer verliehen und ist mit 12.000 Euro dotiert, in diesem Jahr wird er sogar durch eine Spende der Worterben gGmbH noch auf 15.000 Euro aufgestockt. Helmut M. Braem (1922-1977) war selbst Publizist und Übersetzer sowie Gründer des Freundeskreises und langjähriger Vorsitzender des Verbandes deutscher Übersetzer (VdÜ). Die Auszeichnung wird Stefan Moster Ende Juni auf der alljährlichen Übersetzertagung des VdÜ in Wolfenbüttel überreicht.

Aktuelle finnische Kinder- und Jugendbücher

Es liegt zwar immer noch Schnee in Helsinki, aber trotzdem nennen sie es Frühling. Doch selbst der längste Winter geht ja einmal zu Ende, und dann sprießen auch im hohen Norden Blätter und Blüten. Irgendwann. Später. 😉

FILI hat für seine Book Picks zu Ostern einige aktuelle Kinder- und Jugendbücher ausgesucht, die im Video von dem sympathischen Übersetzer und Spoken-Word-Lyriker Kasper Salonen vorgestellt werden:

Gefühle, (Un-)Gerechtigkeit und große Überraschungen

Liljas Leben ist ein ziemliches Chaos, aber zumindest eines, das sich in vertrauten Grenzen hält. Sie geht in die neunte Klasse im finnischen Jyväskylä, nächstes Jahr dann (wohl oder übel…) auf die weiterführende Schule, und zieht sich Kopfhörer über die Ohren, wenn ihr Papa mal wieder verliebt ist und seine gute Laune pfeifend und singend in der Wohnung verbreitet. Zu Liljas Leidwesen kommt das oft vor, denn er verliebt sich ständig neu.

Wirklich böse kann sie ihm dafür aber nicht sein, denn eigentlich hat sie dasselbe Problem – was sie natürlich nie zugeben würde. Man kann seinen Eltern doch nicht alles erzählen!

Ihren neuesten Crush auf Instagram nennt Lilja „Ihana“, denn genau das ist they: schlau, witzig, attraktiv, abenteuerlustig, aufgeschlossen, selbstsicher und nie um ein deutliches Wort verlegen, wenn es um Ungerechtigkeit geht – einfach wunderbar eben. Und dann lebt they auch noch in Jyväskylä! Lilja ist hin und weg und stellt sich schon vor, wie es wäre, Ihana vielleicht wirklich mal zu treffen, so richtig in echt, oder sogar ein Date vorzuschlagen, wenn sie sich traut…

Der Wunsch nach einem Treffen erfüllt sich auch bald, aber ganz anders, als Lilja es sich vorgestellt hatte, nämlich ausgerechnet beim gemeinsamen Essen mit Papas neuer Freundin. Die habe eine Tochter, hatte er Lilja zuvor freudestrahlend verkündet, und die beiden würden sich bestimmt super verstehen (ugh, Papa, als ob alle Mädchen sofort beste Freundinnen werden, nur weil sie Mädchen sind). Doch als die neue Freundin dann mit ihrer „Tochter“ zu Besuch kommt, stockt Lilja der Atem, denn vor ihr steht – Ihana. In diesem Moment werden Lilja zwei Dinge klar: Ersten, Ihana ist genauso wunderbar wie auf den Fotos im Internet, und zweitens, Ihanas konservativ eingestellte Mutter hat nicht die geringste Ahnung, wer they wirklich ist.

Und jetzt? Soll Lilja am Esstisch etwas sagen, wenn Ihanas Finger sich bei jeder Nennung des Deadnames so fest um die Gabel schließen, als wollte they jemanden damit erstechen? Darf sie ihrem Vater von dem Problem erzählen? Und wenn ja, wie?

Mit viel Einfühlungsvermögen und ohne Scheu vor typographischen Experimenten erzählt die finnisch-russische Autorin Dess Terentjeva in ihrem ersten Jugendbuch aus dem Leben einer queeren Teenagerin. Das Buch führt die Leser*innen mitten hinein in große Gefühle und Selbstzweifel, die Suche nach dem Ich und das Erwachsenwerden zwischen diversen Lebensrealitäten und einer binär strukturierten Gesellschaft, die sich trotz aller Bemühungen tief in die eigenen Gedanken gräbt. Quasi im Sekundentakt folgt die Erzählung Liljas Gedanken und liest sich so mal wie eine Sprachnachricht in Schriftform, mal wie ein Post auf Social Media. Lilja träumt, plaudert, schimpft, findet ihren Vater und bisweilen auch die eigenen Gedanken furchtbar peinlich und versucht zwischen all dem ihr Bestes, um zu verstehen, was mit ihr geschieht. Das Resultat ist eine authentische Erzählstimme und ein mitreißender Einblick in die Welt einer Jugendlichen, die nicht gewillt ist, die kleinen und großen Ungerechtigkeiten der Gesellschaft einfach hinzunehmen. Diese Leidenschaft und auch die Empfindsamkeit der jungen Generation habe sie einfangen wollen, erklärte die Autorin auf die Frage hin, was sie zu dieser Geschichte inspiriert habe. Mit „Ihana“ ist ihr das zweifelsohne gelungen.

Das Buch wurde 2021 für den Finlandia Junior und den Tulenkantaja-Preis nominiert.

Dess Terentjeva: Ihana. YA-Roman, 128 Seiten. Verlag: WSOY 2021.

Kontakt für Übersetzungsrechte:
Rights & Brands Helsinki, Hanna Pajunen-Walsh (hanna.pajunen-walsh@rightsandbrands.com)

Anfrage für ein ausführliches Gutachten zu diesem Titel: Claudia Nierste / cn447446(at)gmail.com

Finnischer Roman für Preis der Leipziger Buchmesse nominiert

Herzlichen Glückwunsch: Unser Kollege, der langjährige Finnisch-Übersetzer und Autor Stefan Moster, ist für den diesjährigen Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Übersetzung nominiert, und zwar für seine Übersetzung des finnischen Klassikers „Im Saal von Alastalo“ von Volter Kilpi, erschienen 2021 beim mare Verlag (finn. „Alastalon salissa“). Das Mammutwerk (die deutsche Ausgabe hat 1136 Seiten) gilt als einer der wichtigsten – und schwierigsten – Romane der finnischen Literatur. Es spielt im 19. Jahrhundert, an einem einzigen Tag in den Schären an der Südwestküste Finnlands und erzählt davon, wie einige Schärenbewohner im Saal von Alastalo zusammenkommen, essen, trinken, Pfeife rauchen und über den Bau eines Schiffes verhandeln.

Der Text ist wesentlich geprägt von inneren Monologen der Figuren und einer vielfältigen und dialektreichen Sprache. Stefan Moster hat über eineinhalb Jahre an der Übersetzung gearbeitet. Dafür musste er sich nicht nur eingehend mit der Schärenkultur der damaligen Zeit beschäftigen, sondern natürlich vor allem auch mit der überbordenden Sprache des Ausgangstextes, die mit Dialekt, Neologismen, Lehnwörtern aus dem Schwedischen und anderen Spezialitäten gespickt ist. Auch die klangliche Qualität des Textes stellt für die Übersetzung eine Herausforderung dar. „Ich fragte mich, was Kilpi wollte, mit welchem Ansatz er an die Sache ranging. Er wollte es nicht kompliziert machen, sondern genau. Er wollte die Sprache in voller Breite und Tiefe aktivieren, in voller Farbigkeit auch. Er wollte Rhythmus und Klang. Das waren meine Maßstäbe“, sagt Moster im Interview mit TraLaLit, dem Online-Magazin für übersetzte Literatur.

Der Roman, im Original erschienen 1933, wird heute in einem Atemzug mit Werken von James Joyce oder Marcel Proust genannt und gilt als als schwer lesbar, was Moster im TraLaLit-Interview allerdings abstreitet: „Kilpi auf Finnisch zu lesen ist eigentlich nicht schwer. Man stößt halt ständig auf wenig geläufige Wörter, aber man weiß trotzdem immer, was los ist.“

Der Preis der Leipziger Buchmesse wird trotz der Absage der Messe in diesem Jahr am 17.3. in Leipzig verliehen. Nominiert in den Kategorien Belletristik, Sachbuch und Übersetzung sind jeweils fünf Titel, das Preisgeld beträgt in jeder Sparte 20.000 Euro. „Im Saal von Alastalo“ ist die erste Übersetzung aus dem Finnischen, die für den seit 2005 jährlich vergebenen Preis nominiert ist. Also wünschen wir der Jury ein gutes Händchen.

„Land aus Schnee und Asche“ erschienen

Es ist immer ein schöner Tag für die Übersetzerin, wenn ein Paket mit den Belegexemplaren einer eigenen Übersetzung ins Haus kommt. Aber über dieses hier habe ich mich gestern besonders gefreut: „Land aus Schnee und Asche“ von Petra Rautiainen, soeben erschienen im Insel Verlag. Dieser Debütroman erzählt von einem düsteren Kapitel der finnischen (und auch der deutschen) Geschichte: Der junge Väinö wird 1944 im Krieg als Dolmetscher in ein deutsches Gefangenenlager in Lappland beordert. Dort muss er an der Rassenkartierung der Häftlinge teilnehmen, wird Zeuge grausamer Szenen und kommt schließlich einem erschütternden Geheimnis auf die Spur. Nach Kriegsende, 1947, kommt die Journalistin und Fotografin Inkeri nach Lappland, vorgeblich, um über den Wiederaufbau der von den Deutschen beim Rückzug zerstörten Städte und Dörfer zu berichten. In Wahrheit will sie etwas über das Schicksal ihres Mannes Kaarlo herausfinden, der zuletzt in einem Gefangenenlager in Lappland gesehen wurde. Doch bei den Dorfbewohnern, sowohl Sami als auch Finnen, beißt sie auf Granit. Was verbergen die Leute vor ihr? Und warum? Erst die Freundschaft zu der jungen Sami Bigga-Marja bricht ganz allmählich das Eis …

Der Roman kontrastiert herzerreißende Schilderungen der lappländischen Natur mit menschenverachtenden Verbrechen und schlägt dabei ein Kapitel der finnischen Geschichte auf, das auch vielen Finnen bisher nicht bekannt war. Ein beeindruckendes, atmosphärisch dichtes Debüt, für das Petra Rautiainen 2020 den Savonia-Literaturpreis erhielt. Und ich freue mich sehr, das Buch übersetzt zu haben. Derzeit soll die Autorin übrigens schon an einem neuen Roman arbeiten … 😉

Lizenzverkäufe trotz Pandemie stabil

300-400 Übersetzungen aus dem Finnischen erscheinen weltweit pro Jahr, und zwar in etwa 40 Sprachen. Auch die Pandemie, die 2020 so viele kulturelle Projekte aller Art vorübergehend oder sogar dauerhaft zum Stillstand gebracht hat, konnte den Lizenzverkäufen kaum etwas anhaben: Nach dem kürzlich erschienenen, von FILI beauftragten Report gingen die Buchexporte, verglichen mit 2019, um nur rund vier Prozent auf knapp 3,6 Millionen Euro zurück. Zum Vergleich: Noch 2011, als der erste Report in Auftrag gegeben wurde, hatten die Lizenzverkäufe finnischer Literatur ein Gesamtvolumen von nur knapp 1,3 Mio Euro. Seither sind die Zahlen stetig angestiegen, abgesehen von einem kleinen Knick 2017.

Interessant ist die Relation des Exportvolumens zur Zahl der in Finnland aktiven Agenturen: 2019 gab es in Finnland 5 Agenturen, die finnische Literatur ins Ausland vermittelten, mit einem Erlös von 3,7 Millionen Euro. In Norwegen, wo seinerzeit 8 Agenturen aktiv waren, lag der Erlös bei 7,5 Millionen, und in Schweden verkauften 2019 insgesamt 19 Agenturen Lizenzen im Wert von sage und schreibe 29,5 Millionen Euro. Kein Wunder, dass es in der finnischen Literatur noch viele Schätze zu heben gibt, die bisher noch von keiner Agentur vertreten werden!

Die meisten Lizenzen gingen nach Deutschland

Insgesamt wurden 2020 die Übersetzungsrechte für 623 finnische Titel ins Ausland verkauft, davon 55 Prozent Kinder- und Jugendbücher und 35 Prozent Belletristik. Die restlichen 10 Prozent machen Sachbücher, Comics und andere Titel aus. 2019 lag die Gesamtzahl der verkauften Lizenzen noch bei 653, 2011 waren es nur 333 Verträge.

Spannend ist auch, in welchen Ländern bzw. Sprachen der größte Erlös erzielt wurde: Mit 33 Prozent des Volumens entfiel das meiste auf die USA und Großbritannien, gefolgt von Deutschland mit 10 und Schweden mit 8 Prozent. Damit zahlen sich aus der Sicht von FILI erfreulicherweise die Anstrengungen aus, die in den letzten Jahren in Sachen finnische Literatur auf dem englischsprachigen Markt unternommen wurden. Doch die zahlenmäßig meisten Lizenzen, nämlich 17 Prozent, wurden nach Deutschland verkauft, erst dann folgten die englischsprachigen Länder mit 13 Prozent. Die weiteren Plätze nehmen Estland und Russland (je 12 Prozent) sowie Polen und Schweden mit 11 bzw. 10 Prozent ein.

Diese Zahlen beziehen sich auf finnische Agenturen und Verlage, die finnische Autor*innen vertreten, doch der Report betont auch, dass manche – nicht zuletzt erfolgreiche – Autor*innen (etwa Sofi Oksanen, Pajtim Statovci, Antti Tuomainen oder Rosa Liksom) von Agenturen in Schweden, Dänemark oder den USA vertreten werden, deren Zahlen nicht in den FILI-Report eingeflossen sind. Daher sind die eigentlichen Erlöse aus dem Verkauf finnischer Lizenzen höher anzusetzen. Dass besonders erfolgreiche Autor*innen sich Agenturen im Ausland gesucht haben, sagt natürlich desto mehr aus über den Zustand der finnischen Agenturen-Landschaft, doch hier will FILI laut Direktorin Tiia Strandén dezidiert in den nächsten Jahren für einen stärkeren Ausbau sorgen.

How to sell drugs online – in Finland

Joona Keskitalos Thriller „Tottelemattomat“ („Die Ungehorsamen“)

Achtung: Deutsche Rechte bereits vergeben

Die finnische Spannungsliteratur ist seit August dieses Jahres um eine starke Stimme reicher: Der Roman „Tottelemattomat“ („Die Ungehorsamen“, Verlag: Bazar) des erst 29-jährigen Autors Joona Keskitalo beschreibt auf seine ganz eigene ungeschönte Weise die Entwicklung von vier eigentlich unbescholtenen Männern Anfang dreißig zu einer gnadenlosen Drogengang, die auch vor Geschäften mit Rockerclubs und der russischen Mafia nicht zurückschreckt.

tottelemattomat

Pete ist Chef einer kleinen Marketingagentur und will mit einer neuen Geschäftsidee bei einflussreichen Investoren einen großen Coup landen, doch die Sache geht gründlich in die Hose. Als dann auch noch sein größter Auftraggeber abspringt, sieht er sich kurz vor der Insolvenz. Max hat ein Aggressionsproblem und hält sich finanziell mit einem Geschäft für Arbeitskleidung gerade so über Wasser. Als er eines Tages aus Frust in der Kneipe einen über den Durst trinkt, wird er vom Chef eines Rockerclubs angesprochen, der ihm vorschlägt, für 60.000 Euro von ihm Marihuana zu kaufen und das Zeug mit einem ordentlichen Gewinn wieder zu verkaufen. Max sagt im Suff begeistert zu, nur fällt ihm am nächsten Tag auf, dass er gar keine 60.000 Euro hat. Ein zufälliges Treffen mit dem gut gekleideten und scheinbar erfolgreichen Pete, seinem früheren Schulfreund, lässt Hoffnung aufkeimen, doch beide sind blank. Die Rettung: Jonas und Jesse, die beiden Kumpels, die mit ihnen früher auf dem Schulhof geschmuggelte Zigaretten verkauft haben. Jesse ist Gründer einer erfolgreichen IT-Sicherheitsfirma, Jonas ein kleines Licht in einer Rechtsanwaltskanzlei. Sie bringen das Startkapital zusammen, und mit ihrer geballten Berufserfahrung und einem ausgeklügelten, zeitgemäßen Marketingkonzept ziehen die vier flugs einen Online-Drogenhandel auf und können den Stoff zu ihrer eigenen Überraschung in kürzester Zeit an den Mann bringen. War doch gar nicht so schwer!

Bis auf Jesse (der eigentlich nur nie Nein sagen kann) haben alle Blut geleckt und sehen in der neuen Geschäftstätigkeit nicht nur das schnelle Geld, sondern auch neue Selbstverwirklichungsmöglichkeiten. Bald wird nicht mehr beim Rockerclub eingekauft, sondern bei der russischen Mafia. Insbesondere Jurist Jonas blüht im Laufe der Zeit immer mehr auf und legt zur Geldwäsche ein ganzes Konglomerat von Briefkastenfirmen in aller Welt an, außerdem entwickelt er die Idee für ein Bitcoin-Casino. Doch nicht alles läuft glatt, der Bitcoinwert verfällt plötzlich, und sie haben die russische Mafia am Hals, die die angelegten und nun verlorenen 5 Millionen Euro von ihnen zurückfordert. Erste Verluste sind zu beklagen, doch vor allem Jonas, der Mastermind der Gruppe, will und kann nicht mehr aufhören, und auch die Umstände lassen den verbliebenen Männern kaum eine Wahl. Bis ihnen der oberste Drogenfahnder der Polizei Helsinki immer mehr auf die Schliche kommt. Doch auch der hat sein schmutziges kleines Geheimnis …

Hardboiled statt nordisch-skurril

Der Roman ist das Gegenteil von einem Whodunnit und daher alles andere als ein klassischer Krimi: Er legt von Anfang an die Personen und Motive des Verbrechens offen und zeigt, wie die vier Männer sich immer weiter von dem entfernen, was sie vorher als ihr „normales Leben“ ansahen. Spannend ist hier vor allem die Entwicklung der Charaktere von Durchschnittstypen hin zu hartgesottenen Kriminellen, die immer bereit sind, den nächsten Schritt zu tun, der sie noch tiefer ins Verderben reitet. Egal ob Gier, Selbstverwirklichung, Machtstreben: Wie der Roman die Figuren gnadenlos unter dem Brennglas seziert, ist von Keskitalo meisterhaft gemacht. Ein Übriges tut seine klare, scheinbar einfache Sprache dazu, die nichts beschönigt, sondern ohne Umschweife beschreibt, was ist, und uns damit ein äußerst intensives Leseerlebnis beschert. Dieser Roman ist nicht nordisch-skurril, sondern hardboiled. Und trotz einiger grenzwertiger gewalttätiger Szenen ein echter Pageturner!

Nicht umsonst sind die TV-Rechte für den Titel, der als erster Band einer Trilogie geplant ist, bereits verkauft. Der zweite Band wird 2022 erscheinen. Aus meiner Sicht dürfte Keskitalo eine ebenso vielversprechend Karriere ins Haus stehen wie dem schon jetzt sehr erfolgreichen finnischen Spannungsautor Max Seeck.

Joona Keskitalo: Tottelemattomat. Roman, Bazar. 381 Seiten

Erscheinungsdatum: 12.8.2021

Die Rechte liegen bei der Agentur Ferly: info@ferlyco.com

Anja Portin: Radio Popov

Der neunjährige Alfred lebt allein zu Hause. Eigentlich wohnt er mit seinem Vater zusammen, doch der ist, wie Alfred es ausdrückt, meist auf zwei Arten abwesend: entweder geistig oder er ist auf Geschäftsreise. Alfred muss sich also um sich selbst kümmern und findet meistens keinen Schlaf. Eines Nachts wird plötzlich eine Zeitung, in der ein Apfel, ein Sandwich und Socken eingewickelt sind, durch seinen Briefkastenschlitz geworfen. So lernt er die ungewöhnliche Zeitungsträgerin Amanda kennen, bei der er kurz darauf einziehen darf. In ihrem Haus mit Apfelbaumgarten „am Rand der Welt“ leben außer ihr noch Katze Huvitus („Vergnügen“) und Rabe Harlamovski. Alfred erfährt, dass es neben ihm noch andere vergessene Kinder in der Nähe gibt, und dass Amanda eine spezielle Gabe hat, diese ausfindig zu machen. In ihrem Haus entdeckt er ein altes Radiogerät, das sich als der Prototyp des Radioerfinders Aleksandr Stepanovič Popov herausstellt und sogar noch funktionsfähig ist. Kurzerhand startet Alfred eine geheime nächtliche Radiosendung namens „Radio Popov“ für alle vergessenen Kinder im Umkreis, in der er sowohl Überlebensstrategien für den Alltag wie einfache Kochrezepte, als auch Allgemeinwissen (z.B. über die Erfindung des Radios) mit ihnen teilt. Als Alfreds Vater auf einmal unerwartet von einer seiner langen Geschäftsreisen zurückkehrt und Alfred erfährt, dass es noch andere Menschen mit Amandas spezieller Gabe gibt, nimmt die Geschichte an Fahrt auf…

Dieses sympathische Kinderbuch behandelt die grundsätzlich ernste Thematik auf eine warme, berührende und sogar humorvolle Art und Weise. Die süßen Illustrationen von Miila Westin sind eine tolle Ergänzung zur Geschichte.

„Radio Popov“ gewann 2020 den Finlandia-Junior-Preis, den renommiertesten finnischen Literaturpreis für Kinder- und Jugendliteratur. Die Übersetzungsrechte wurden bereits in elf Länder verkauft: in die Niederlande, nach Italien, Ungarn, Russland, Dänemark, Estland, Bulgarien, Ungarn, Polen, Lettland und Litauen.

Anja Portin: Radio Popov. Roman, 289 S.

Verlag: S&S

Kontakt für Übersetzungsrechte: Helsinki Literary Agency/ Urtė Liepuoniūtė (urte@helsinkiagency.fi)

Lesehund Sylvi im Sommermodus

Habt ihr Lesehund Sylvi auch schon vermisst? In diesem Video zeigt die knuffige Lesehündin der Stadtbibliothek Kuopio ihre Lieblingsleseplätze für den Sommer. Sei es auf Reisen, am Wasser, unter dem Apfelbaum oder in der selbstgebauten Bude im Wald: Lesen macht immer Spaß! Mit dabei ist übrigens diesmal nicht nur der Bücherbus, sondern auch ein Bücherfahrrad!

Lesehunde gibt es mittlerweile in vielen finnischen Bibliotheken und Schulen: Sie sollen Kindern die Scheu vor dem (Vor)lesen nehmen, denn sie hören einfach zu, ohne auf Fehler oder andere Leseprobleme zu achten. Die Kinder können sich im Kontakt mit dem Tier entspannen und in ihrem Tempo lesen und neue Erfahrungen machen.

FILI’s book picks – als Videos!

In diesem Jahr hat sich FILI – Finnish Literature Exchange für die Präsentation finnischer Literatur etwas Neues einfallen lassen: Anstelle der Kataloge mit Neuerscheinungen stellt der Übersetzer David Hackston vor Helsinkier Kulisse ausgewählte Romane, Sachbücher sowie Kinder- und Jugendliteratur vor. Mit dabei in den insgesamt vier Videos sind preisgekrönte Werke wie Juhani Karilas Roman „Pienen hauen pyydystys“ (Tähtifantasia-Preis 2020), „Radio Popov“ von Anja Portin (Finlandia Junior 2020) und Marisha Rasi-Koskinens neuer Roman „REC“ (Tulenkantaja-Preis 2020).

Alle Videos gibt es hier auf FILIs Webseite und auf FILIs YouTube-Kanal zu sehen!

Kontakte für die oben erwähnten Bücher: Urpu Strellman / Helsinki Literary Agency, urpu@helsinkiagency.fi