Was für eine Frischluftvergiftung, bitte?

Gestern hat mich ein Karton sehr, sehr glücklich gemacht. Und zwar der Karton mit den Belegexemplaren des von mir übersetzten Romans „Frischluftvergiftung bei minus 20 Grad“ von Siina Tiuraniemi, soeben erschienen bei dtv.

Dieser wunderbare, tragikomische Roman erzählt von dem etwas verpeilten Studenten Miska, der von seiner Mutter losgeschickt wird, um eine ältere Verwandte im Pflegeheim zu besuchen. Diese Verwandte, Birgitta, ist aber mitnichten die friedliche alte Dame, die Miska sich ausgemalt hat, sondern eine beinamputierte Alkoholikerin, die kein Blatt vor den Mund nimmt. Als sie Miska auffordert, ihr Schnaps ins Pflegeheim zu schmuggeln, lehnt dieser natürlich ab, doch er lässt sich fatalerweise dazu hinreißen, Birgitta den Joint zu geben, den er zufällig in der Tasche hat. Und es soll nicht bei dem einen bleiben … Dass Miska kurz darauf einen durchgeknallten alten Ex-Schauspieler kennenlernt, der mit ihm Wasserpfeife raucht und einen ansehnlichen Vorrat an Cannabis in seiner Wohnung verwahrt, scheint zunächst ein Glücksfall. Doch dann wird alles immer komplizierter …

Natürlich will ich hier nicht zuviel verraten. Ich bin von dem Buch nach wie vor begeistert und freue mich, wenn es hierzulande viele Leser findet, denn es ist nicht nur lustig, sondern setzt sich nebenbei auch mit der Situation alter Menschen in unserer Gesellschaft auseinander, es hat bei aller Skurrilität bis Bärbeißigkeit der Figuren viel Wärme und ist einfach ein herzerfrischendes Gesamtpaket. Und die verstiegenen Gedanken, die Miska sich zu allen möglichen Themen macht, sind in ihrer Absurdität einfach genial.

Was mich besonders freut, ist auch, dass ein langer Weg hiermit zum Erfolg geführt hat, denn ich hatte dem Verlag das Buch seinerzeit selbst empfohlen, und dass es nun tatsächlich in meiner Übersetzung herausgekommen ist, macht mich stolz und glücklich. Darauf einen Minttu!

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Juha Hurme gewinnt Finlandia-Preis 2017

Juha Hurme

Juha Hurme (Foto: Stefan Bremer)

Der Autor, Dramatiker und Theaterregisseur Juha Hurme ist der Gewinner des diesjährigen Finlandia-Preises für Belletristik. Das Werk, für das er ausgezeichnet wurde, heißt „Niemi“ (dt. Die Halbinsel, Teos) und ist ein amüsanter, aber auch nachdenklich machender Parforceritt durch 14 Millarden Jahre Erd- und Menschheitsgeschichte. Mit der titelgebenden Halbinsel ist Finnland gemeint, doch Hurme betrachtet seine Heimat von einer höheren Warte aus und zeigt die Geschichte des Landes damit aus einer ganz anderen Perspektive. Seine Erzählung endet 1809, in dem Jahr, als Finnland von Schweden an Russland fiel.

Hurme, geboren 1959, ist studierter Biologe, schreibt und inszeniert aber seit den 1990ern Theaterstücke. Inzwischen hat er außerdem fünf Romane geschrieben, vor drei Jahren erhielt er für sein Mammutwerk „Nyljetyt ajatukset“ (dt. etwa: Gehäutete Gedanken) den Jarkko-Laine-Preis. Seine Rede zum Finlandia-Preis hielt er zum Teil auf Schwedisch und betonte, wie wichtig es ist, über den eigenen Tellerrand zu schauen. Von finnlandschwedischen Autoren wie Edith Södergran, Elmer Diktonius und Lars Hulden habe er alles gelernt, „was man braucht, um den Finlandia-Preis zu gewinnen“.

Der Finlandia-Preis ist mit 30.000 Euro die höchstdotierte literarische Auszeichnung Finnlands. Er wird in den Kategorien Belletristik, Kinder- und Jugendbuch sowie Sachbuch verliehen. Den Finlandia-Preis für Kinder- und Jugendliteratur gewann in diesem Jahr die Illustratorin Sanna Mander für ihr Bilderbuch „Avain hukassa“ (dt. Der Schlüssel ist weg, Verlag S&S). Den Sachbuchpreis erhielt die Journalistin Riitta Kylänpää für die Biographie des finnischen Umweltschützers Pentti Linkola.

Liebster Award: Huch, ich bin nominiert

LiebsterAward-e1509012496821So ist das eben. Man wurschtelt vor sich hin mit dem eigenen Blog, freut sich, wenn ein paar Likes kommen oder man merkt, dass die Beiträge auch mal weiterverbreitet werden. Und nun hat mich netterweise Inken vom Blog Finntastic für den Liebster Award nominiert. Vielen Dank dafür!

Aber was ist der Liebster Award überhaupt? Das Spannende daran ist, dass alle Leser auf diese Weise andere Blogs aus ähnlichen Interessengebieten kennenlernen und sich auch von den Menschen hinter den Internetprofilen ein gewisses Bild machen können. Jeder Blogger, der am Liebster Award 2017 teilnimmt, bekommt dabei die Gelegenheit, seinen Lieblingsbloggern eine Reihe von Fragen zu stellen. Die Nominierten beantworten diese auf ihren Blogs und nomieren dann auch wieder ihre eigenen Lieblingsblogs.

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„Lempi“ erhält neuen Literaturpreis

Minna Rytisalo

Minna Rytisalo ist erste Preisträgerin des Botnia-Literaturpreises. (Foto: Hanna Juopperi / YLE)

Gestern ist im nordfinnischen Oulu eine neue literarische Auszeichnung verliehen worden: der Botnia-Literaturpreis. Erdacht vom Schriftstellerverband Oulu und mit 10.000 Euro üppig ausgestattet, ging diese erste Auszeichnung an den Debütroman „Lempi“ von Minna Rytisalo. Das Buch erzählt vor dem Hintergrund des 2. Weltkrieges eine ebenso leise wie tragische Dreiecksgeschichte.

Ziel des Botnia-Preises ist es, Autorinnen und Autoren zu fördern, die in der Region Nordösterbotten geboren oder ansässig sind, und somit zu zeigen, dass gute Literatur auch außerhalb der Ballungsregion Helsinki entsteht. Preisträgerin Rytisalo arbeitet im Hauptberuf als Finnischlehrerin in Kuusamo, einer Stadt im äußersten Nordosten der Region Nordösterbotten. Ihr Buch, 2016 bei Gummerus erschienen, avancierte schnell zum Publikumsliebling und kann bei rund 20.000 Exemplaren mit Fug und Recht als Bestseller bezeichnet werden. Die Übersetzungsrechte sind bisher nach Deutschland (Hanser) sowie Norwegen und Litauen verkauft.

Insgesamt wurden zum Botnia-Preis sechzig Titel von Verlagen eingereicht, acht kamen auf die Shortlist, unter anderem auch das vieldiskutierte Mammutwerk „O“ des jungen Miki Liukkonen. Beim Botnia-Preis ist es unerheblich, welchem Genre die Titel angehören, Prosa und Lyrik können ebenso zum Zuge kommen wie Sachbücher, Kinderbücher oder Comics. Auch die Sprache spielt im Prinzip keine Rolle, Bedingung ist nur, dass das Buch in einem finnischen Verlag erschienen ist. In diesem Jahr wurde das Preisgeld von 10.000 Euro von der Stadt Oulu und einer regionalen Supermarktkette gestiftet. In Zukunft soll der Preis jährlich vergeben werden. Für die nächsten Jahre ist geplant, die Dotierung sogar auf 15.000 Euro zu erhöhen, was den Botnia zum finanziell einträglichsten finnischen Literaturpreis nach dem Finlandia-Preis machen würde.

Essen, Bücher, Schnaps

Alle Jahre wieder drängt sich das Volk auf der Frankfurter Buchmesse um den finnischen Gemeinschaftsstand, wenn finnische Spezialitäten, handgemacht von einer Gruppe Finninnen aus Frankfurt, sowie reichlich Getränke gereicht werden. Auch dieses Jahr gab es wieder in rauen Mengen Koskenkorva mit und ohne Salmiakki. (Schmeckt in der einen wie der anderen Version wie Medizin.) Dazu natürlich Gespräche mit anderen Übersetzern, Verlegern, Agenten und und und… 

Eeva Kilpi erhält Kivi-Literaturpreis für ihr Lebenswerk

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Eeva Kilpi (Foto: Raili Tuikka / YLE)

Am 10. Oktober ehrt Finnland traditionell den Autor Aleksis Kivi, geboren am 10. Oktober 1834. Seit 1936 wird an diesem Tag auch der Aleksis-Kivi-Literaturpreis der Finnischen Literaturgesellschaft SKS verliehen. Trägerin des mit 25.000 Euro dotierten Preises ist in diesem Jahr die Autorin Eeva Kilpi, die mit der Auszeichnung für ihr Lebenswerk geehrt wird. Die inzwischen 89-Jährige ist in Finnland eine lebende literarische Legende und blickt auf ein breitgefächtertes Oeuvre zurück, das sich unter anderem intensiv mit dem Thema Vertreibung auseinandersetzt. Kilpi, 1928 im heute russischen Teil Kareliens geboren, musste die Heimat mit ihrer Familie verlassen, als Finnland das Land 1944 endgültig an die Sowjetunion abtreten musste. Insgesamt über 400.000 Karelier zogen nach dem 2. Weltkrieg aus ihrem Land fort und ließen sich in anderen Gegenden Finnlands nieder. Diese Erfahrung der Entwurzelung zieht sich durch Kilpis gesamtes Werk, das 32 Titel umfasst, Kurzprosa ebenso wie Romane, Essays und Lyrik.

In der Begründung für die Auszeichnung heißt es denn auch, sie gebe mit ihren Romanen und Erzählungen rund um Flucht und Vertreibung auch jenen eine Stimme, die heute vor Krieg und Zerstörung fliehen müssten, die ihre Heimat und ihre Liebsten, ihre eigene Sprache und Kultur verloren hätten. Des Weiteren lobt die Jury Kilpis unverwechselbaren literarischen Ton sowie ihren Einsatz für die Natur und deren Erhalt. Mit Texten rund um das Thema Frausein wurde sie in den 1970er Jahren zudem zur Wegbereiterin gesellschaftlicher Debatten. Unter anderem beschäftigte sie sich mit den Freuden weiblicher Sexualität oder auch mit der Frage, was es für Frauen bedeutet, eine künstlerische Tätigkeit mit dem Muttersein zu verbinden. In diesem Zusammenhang hebt die Jury auch die enge Verbindung von Privatem und Politischem im Werk Eeva Kilpis hervor. Zuletzt erschien 2012 von Kilpi der Band „Kuolinsiivous“ („Sterbeputz“, WSOY), in dem Gedichte, Tagebucheinträge und Aphorismen aus 27 Jahren versammelt sind.

Deutsche Übersetzungen von Eeva Kilpi sind leider rar gesät, ihr Roman „Tamara“ und der Kurzgeschichtenband „Wind in Ahornblüten“ sind nur noch antiquarisch erhältlich. Immerhin erschien 2014 die Novelle „Sommer und eine Frau mittleren Alters“ (Ü: Stefan Moster) in dem Band „Alles absolut bestens bei mir“ (Hrsg. von Helen Moster, Edition fünf).