Identität: nur ein Vexierspiel?

Katri Lipson: Jäätelökauppias („Der Eisverkäufer“)

Katri Lipson: Jäätelökauppias

Katri Lipson: Jäätelökauppias

Kurz nach dem zweiten Weltkrieg in der Tschechoslowakei. Ein monomanischer Regisseur will einen Film drehen, über einen Mann und eine Frau, die im Krieg wider Willen als angebliches Ehepaar zusammengeschweißt waren. Die Dreharbeiten werden für alle Beteiligten zur Qual, denn es gibt kein Drehbuch, jeder Tag birgt Strapazen und unliebsame Überraschungen, die Darsteller fühlen sich wie Marionetten des Regisseurs und wissen nie, was aus einer Szene wird, ob sie überhaupt später im Film erscheint. Schnitt.

Im Krieg. Ein Paar mit den falschen Namen Esther und Tomáš Vorszda muss in Mähren auf dem Land untertauchen und findet Obdach im abgelgenen Haus der Witwe Nemcová. Schon bald zeigt sich, dass es die Personen sind, die später die Hauptfiguren des Films werden sollen. Obwohl die beiden sich als Ehepaar ausgeben, kommt ihnen Frau Nemcová auf die Schliche. Eines Tages verlässt Tomáš das Haus und kehrt nicht zurück. Frau Nemcová hingegen bringt einen neuen Mitbewohner ins Haus, einen einbeinigen Kriegsversehrten. Schnitt.

Nach der Fertigstellung des Films „Der Eisverkäufer“ wird der Regisseur von einer Frau heimgesucht, die behauptet, er habe in dem Film ihre Geschichte erzählt, sie sei das lebende Vorbild für Esther Vorszda. Der Regisseur glaubt ihr halb, will mit ihr zum Haus der Frau Nemcová fahren, doch sie kehren vorher um, denn die Frau behauptet, ihr einbeiniger Mann kann sich nicht so lange allein um den gemeinsamen Sohn Jan kümmern …

Als Student wird Jan später aus der Tschechoslowakei nach Schweden fliehen und dort eine Tochter zeugen, die wiederum Jahre später ins tschechische Olomouc zurückkehrt, wo die Geschichte ursprünglich begann. Sie nimmt dort die Identität einer gewissen Milena an, die vorher in dem billigen Zimmer gewohnt haben soll und dort immer noch Briefe von einem Verehrer bekommt …

Katri Lipson (geb. 1965) legt mit diesem, ihrem zweiten Roman einen Parforce-Ritt durch das Thema Identität und persönliche Geschichte vor: Was passiert, wenn ich mich als jemand anders ausgebe? Was wird getilgt, was entsteht neu? Welche Auswirkungen hat das auf die Person? Kann ich eine Identität einfach abstreifen wie einen Mantel? Beginne ich damit eine eigene persönliche Geschichtsschreibung? Welche Personen und Faktoren formen eigentlich meine persönliche Geschichte? Und wie ist diese mit der Geschichte meines Landes, meines Kontinents verbunden? Für diesen vielschichtigen, kunstvoll gebauten Roman erhielt Lipson, im Hauptberuf übrigens Ärztin, 2013 den Literaturpreis der Europäischen Union.

Katri Lipson: Jäätelökauppias. Roman, Tammi. 293 Seiten

Rechte: Elina Ahlbäck Literary Agency, info@ahlbackagency.com

Mehr Informationen zu Autorin und Buch bei Elina Ahlbäck

Auf Wunsch erstelle ich gern Gutachten und / oder Probeübersetzung. Anfordern

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Ein Kommentar zu “Identität: nur ein Vexierspiel?

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